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5. Schlussbemerkungen

Ziel dieser Arbeit war es, die Bedeutung von Commons für die Soziale Arbeit her­auszuarbeiten und zu zeigen, welche Relevanz die aktuelle (theoretische) Debatte und (praktische) Auseinandersetzung um Commons für Soziale Arbeit und Gemein­wesenarbeit im Allgemeinen und für eine sich als kritisch-emanzipatorisch verstehen­de im Besonderen hat.

Die Anschlussfähigkeit der Auseinandersetzung um Commons an die Theoriediskus­sion der Gemeinwesenarbeit insgesamt lässt sich unter Verweis auf die drei von Fabi­an Kessl (2005) bestimmten allgemeinen und ansatzübergreifenden Zieldimen­sionen von Gemeinwesenarbeit – (Wieder-)Herstellung von Gemeinschaftlichkeit, Verände­rung und Selbststeuerung – zusammenfassend verdeutlichen. Kessl (2005) weist dar­auf hin, dass sich sowohl in konservativen als auch in libera­len und linken Program­matiken von Gemeinwesenarbeit (inhaltlich unterschiedlich gefüllte) Bezüge zu ge­meinschaftlichen Zusammenhängen finden, welche jeweils neu bzw. wie­der herge­stellt werden sollen: Sei es 1) in normalisierender und auf Anpassung an die vorherr­schende Normalität gerichteter Absicht, 2) mit der Perspektive auf erweiterte Parti­zipation und Beteiligung der Bürger an der Gestaltung ihres Stadtteils oder 3) mit der Zielset­zung der kollektiven solidarischen Assoziation von Betroffenen zur widerstän­digen Artikulation ihrer Interessen. Die Perspektive der Veränderung kann eben­falls als eine den verschiedenen An­sätzen von Gemeinwesenarbeit zugrundelieg­ende ausgemacht werden, sei es als „Verbesse­rung der Lebensverhältnisse“ (Bitzan/ Klöck 1994: 5, zit. nach Kessl 2005), als Öff­nung von „Zugänge[n] zu einer gesell­schaftlichen Teil­habe“ (Rathgeb 2005: 331, zit. nach Kessl 2005) oder als „Ermög­lic­hung von Befrei­ungsprozessen aus Abhängig­keiten“ (Elsen 1998: 274, zit. nach Kessl 2005). Auch die Zieldimension der Selbststeuerung lässt sich – unterschiedlich artikuliert – in den Theoriediskussionen der Gemeinwesenarbeit identifizieren: als „Aktivierung der Menschen, mit denen GWA arbeitet“ mit dem Ziel sie „zu Subjek­ten politisch akti­ven Lernens und Handelns zu machen“ (Oelschlägel 2001: 66, zit. nach Kessl 2005, Hervorhebung: F.M.), oder etwa mit der Formulierung von „Selbstbestimmung der AdressatInnen“ als „Leitprinzip“ (May 1997: 26, zit. nach Kessl 2005, Hervorheb­ung: F.M.).
Mit dieser Bestimmung allgemeiner Zieldimensionen von Gemeinwesenarbeit lässt sich jedoch noch keine Aussage darüber treffen, in welcher Weise sie in der konkre­ten Praxis verfolgt bzw. in was für einer Ausrichtung von Gemeinwesenarbeit sie rea­lisiert werden. Letztlich ist die jeweilige programmatische Ausrichtung der Gemein­wesenarbeit im­mer als „eine politische Entscheidung“ (ebd.) zu begreifen, an deren konkreter Aus­gestaltung in unterschiedlichem Maße sowohl die Verantwortlichen im politischen und administrativen System, die professionellen Sozialpädagog_innen und Sozialar­beiter_innen als auch die Adressat_innen und Nutzer_innen von Einrich­tungen der Gemeinwesenarbeit beteiligt sind.

Mit der Theorie und Praxis von Commons geraten ebenfalls diese drei Zieldimensio­nen in den Blick. Meretz (2012) schreibt Commons und dem sie konstituierenden Prozess des Commoning „strukturelle Gemeinschaftlichkeit “ bzw. „strukturelle In­klusion“ zu und stellt sie der „strukturellen Exklusion“, die er als zentralen Aspekt der Marktlogik identifiziert, gegenüber. (vgl. Meretz 2012: 61ff.) Commons als so­zialem Verhältnis wird sowohl im Hinblick auf die spezifischen Formen von Institu­tionen, die zu ihrer Nutzung und Pflege geschaffen wurden, als auch im Hinblick auf die ihnen zugrundeliegenden Logik in Konzepten einer Veränderung bzw. Transfor­mation der Gesellschaft in Richtung einer Erweiterung der Verfügung der Menschen über ihre Lebensbedingungen und einer Demokratisierung eine wichtige Rolle bei­ge­messen. Dies wird etwa bei Siefkes (vgl. Siefkes 2009b und 2009c) deutlich, der un­ter Bezugnahme auf Dyer-Witheford (2007) das Konzept einer commonsbasierten Gesellschaft entwickelt und begrifflich als Commonismus fasst. In Bezug auf die Zieldimension Selbststeuerung wird der Bezug zur Theorie der Commons und der Forschungen in diesem Bereich, wie sie in Abschnitt 2.3 exemplarisch an den Arbei­ten von Ostrom (1999) und Benkler (2006) gezeigt wurden, unmittelbar deutlich, ist doch das ge­meinschaftliche Verwalten, Gestalten und Schaffen von bestimmten Res­sourcen durch Nutzer_innenorganisationen zentraler Gegenstand dieser Forschungen.

Commons – einerseits als konkrete Praxis, andererseits als strategischer Diskurs – im Verbund mit Formen der solidarischen (Gemeinwesen-)Ökonomie können dergestalt auch einen sinnvollen Bezugspunkt für kritisch-emanzipatorische Soziale Arbeit darstellen, die als ihre Aufgabe die Unterstützung bei kritischer Vergesellschaftung, d.h. der (gemeinsamen) Erweiterung der Verfügung über die Lebensbedingungen, be­greift. In einem ersten Schritt können sowohl Commons als auch Formen der solidarischen Ökonomie dazu beitragen, die Abhängigkeit von Lohnarbeit zu verringern und Mög­lichkeiten zur Selbstermächtigung und gesellschaftlichen Teilhabe jenseits der Wa­renlogik zu vergrößern. Darüber hinaus können sie jedoch auch zur Konstituier­ung neuer Formen sozialer Beziehungen beitragen, die nicht-markt- und tauschverm­ittelte Formen des Umgangs und der Gestaltung des Sozialen und Ökonomi­schen denk- und (er-)lebbar machen. Wie am Beispiel des ‘Park Fiction’ gezeigt wur­de, kann Gemeinwesenarbeit wertvolle Beiträge zum Schaffen neuer Commons leis­ten. Sie kann und sollte jedoch gleichermaßen die Konsolidie­rung und Weiterentwicklung bereits exis­tierender Commons als For­men der selbstorganisierten Vergesellschaftung von Men­schen unterstützen. Sowohl Commons als auch Formen der solidarischen Ökonomie können zwar „ko­-optiert, instrumentalisiert werden, [wie beispielhaft am Projekt ‘Park Fiction’ deutlich wurde, F.M.] sie haben aber […] auch emanzipatorisches Po­tenzial und sie können ein Ausgangspunkt für eine zukünftige Gesellschafts­form oder Produktionsweise sein“ (Kratzwald 2011).
Commons lassen sich in Bezug auf gesellschaftliche Veränderung mit Kratzwald (2011) zwei Funktionen zuordnen: Einerseits können sie als „Denkmodell für eine andere Produktionsweise und Vergesellschaftungsform“ (ebd.) dienen und anderer­seits als „Instrument dazu, dorthin zu kommen, weil sie den Commoners, also den Menschen, die sie herstellen, nutzen und erhalten, mehr Macht geben, also gesell­schaftliche Machtverhältnisse verändern können“ (ebd.). Commons können inso­fern als „Keimzellen [betrachtet werden], in denen durch soziale Kooperation ‘Macht zu…’ [im Unterschied zu ‘Macht über’, F.M.] entsteht – die einzige Basis, die es Men­schen ermöglicht, ihre Macht […] zu vervielfältigen – wenn sie grenzüberschreitende Netzwerke von Commons schaffen und sich der ‘Macht des Kapitals über’ die Com­mons entgegenstellen“ (de Angelis 2012: 234, Hervorhebung im Original). Gemein­wesenarbeit kann dazu beitragen, dass derartige Vergesellschaftungsformen ausge­baut und auf Dauer gestellt werden (können), indem sie sich bspw. (mit) dafür enga­giert, dass die institutionellen Grundlagen von Commons rechtlich anerkannt und le­gitimiert werden. In dem Maße, in dem es gelingt, die Gesellschaft (und damit auch die Wirtschaft) nach den Prinzipien der freien Kooperation zu gestalten und auf diese Weise die aktuelle „halbierte Demokratie, die sich auf die Politik und den Staat be­schränkt, zur gesellschaftlichen Demokratie“ (Fisahn 2010: 238) zu machen, kann gegen die „Kolonisierung der Lebenswelt“ (Habermas) – das Übergreifen der gegen­wärtigen ökono­mischen Rationalität von Konkurrenz und Verwertung auf alle Lebensbereiche – eine Stärkung der Lebenswelt (im Habermas’schen Sinne) und ih­rer Logik des verständi­gungsorientierten Handelns gegen die zweckrationale Logik des Systems erreicht werden.

Commons, genauso wie Ansätze Solidarischer (Gemeinwesen-)Ökonomie, stellen in­sofern eine konkrete Utopie im Sinne Ernst Blochs dar, als sie innerhalb des Mög­lichkeitshorizonts der bestehenden Gesellschaft liegen und gleichzeitig (weit) über sie hinaus weisen. Die Bedeutung einer solchen Perspektive – nicht nur für die So­ziale Arbeit und Gemeinwesenarbeit – ist nicht zu unterschätzen, denn wenn „die utopischen Oasen austrocknen, breitet sich eine Wüste der Banalität und Ratlosigkeit aus“ (Habermas 1985, zit. nach Oelschlägel 2005: 277). Commons und die Com­mons-Perspektive können ein Mittel zu ihrer (Wieder-)Begrünung bzw. Rekultivie­rung darstellen.


 

Danksagung
Für anregende Gespräche und konstruktive Kritik im Zuge des Verfassens dieser Arbeit möchte ich mich insbesondere bei Johannes Euler und Sinah Mielich bedanken. In Be­zug auf das Projekt ‘Park Fiction’ haben mir die Gespräche mit Axel Wiest und Sabi­ne Stövesand sehr geholfen. Meinen Dank aussprechen möchte ich außerdem allen Autor_innen, die der Allgemeinheit ihre Publikationen in digitaler Form zur Verfü­gung gestellt haben.

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