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4. Commons als Bezugspunkt(e) für kritisch-emanzi­patorische Soziale Arbeit

4. Commons als Bezugspunkt(e) für kritisch-emanzi­patorische Soziale Arbeit[58]

Commons lassen sich ganz allgemein als soziale Verhältnisse bestimmen, in denen auf Grundlage reziproker zwischenmenschlicher Beziehungen bestimmte Ressourcen verwaltet, bewirtschaftet und (re-)produziert werden. In präkapitalistischen Gesell­schaften bildeten Commons die übliche Grundlage für gesellschaftliche Teilha­be und Re­produktion und bis heute sind sie (wie auch das Recht auf Commoning) Gegen­stand von sozialen Bewegungen und Kämpfen.
Bei den von Ostrom untersuchten Beispielen für Allmendeinstitutionen hängt in der Regel die individuelle und kollektive wirtschaftliche Existenz von Menschen – z.B. die von Fischer_innen – vom Funktioneren der Verwaltung eines Commons – z.B.
ei­nes gemeinsam verwalteten Fischereigebiets – ab. Als Commons existieren jedoch auch soziale und kulturelle Arrangements, von deren Existenz nicht direkt das (wirt­schaftliche) Überleben ihrer Mitglieder abhängt, die jedoch die Grundlage für die Gestaltung vieler unterschiedlicher Lebensbereiche und gesellschaftliche Teilhabe darstellen. Als Allmendeinstitutionen, die sich um die Bereitstellung und Pflege von kultureller und sozialer Infrastruktur kümmern, können auch die Assoziationen von Menschen in Form von Vereinen, Kooperativen bzw. Genossenschaften o.ä. betrach­tet werden, die nicht profit-, sondern gebrauchswertorientiert agieren. Dies ist für die Soziale Arbeit im Allgemeinen und die Gemeinwesenarbeit im Speziellen relevant.

4.1 Die Bedeutung von Commons für Gemeinwesen, Soziale Arbeit und Gemeinwesenarbeit

Carl Mennicke (1887-1958), einer der Begründer der Sozialpädagogik, leitete die Notwendigkeit einer sozialen Pädagogik aus der sozialpädagogischen Verlegenheit der Moderne ab, die er darin erkannte, „dass die modernen Industriegesellschaften die Individuen zwar freisetzen, aber ihnen nicht aufzeigen, wozu sie frei sind“ (Boeh­nisch 1996: 57). Zur Bewältigung dieser Spannung seien Sozialformen und (pädagogische) Orte erforderlich, „in denen die Menschen miteinander ihre eigene Lebensform finden können“ und Aufgabe der Pädagogik sei es, „hierzu ihren Beitrag zu leisten“ (ebd.). Ein zentrales Element einer solchen für alle zugänglichen Infra­struktur sollten Räume sein, in denen kooperativ gewirkt werden kann und eine „ho­rizontale Vergesellschaftung“ (Lynen von Berg 2010: 278), das Entstehen von „Be­ziehungen zwischen […] isolierten Individuen und sich abgrenzenden Gruppen“ (ebd.) ermöglicht und gefördert wird. Die Relevanz der Existenz derartiger institutio­nalisierter Arrangements für die (Sozial-)Pädagogik und Gemeinwesenarbeit betont auch Richter (2001) im Rahmen seiner Konzeption einer Kommunalpädagogik. Er stellt dabei der Pflicht-Schulpädagogik als Arbeitspädagogik „die – auf frei­williger Interaktion basierende – Vereinspädagogik als Sozial-Pädagogik“ (Richter 2001: 216) gegenüber.
Für die Soziale Arbeit insgesamt liegt in der Orientierung auf das Schaffen, Konsoli­dieren, Erhalten und Verteidigen von Commons nicht zuletzt deshalb eine besondere Bedeutung, da die damit verbundene, auf Selbstorganisation und Selbstverwaltung der Menschen gerichtete Zielperspektive einerseits über die tendenzielle Eingemein­dung der Sozialen Arbeit in hegemoniale Politiken der Kontrolle und Individualisie­rung im Sinne von Vereinzelung hinausweist und andererseits die Grundlage für eine anti­-hegemoniale politische Produktivität der Sozialen Arbeit darstellen kann.
Darüber, dass es sinnvoll ist, an der lokalen bzw. kommunalen Ebene anzusetzen – ohne deswegen eine globale Perspektive aufzugeben –, sind sich viele Theoretiker_innen der Commons einig. So schreibt Müller (2012) im Zusammen­hang mit dem Aufbau von Gemeinschaftsgärten:

„Die Übernutzung, Kolonisierung und Zerstörung der globalen Allmende liegt genau im Blickfeld; deshalb wird die lokale Allmende als ein Ort bewirt­schaftet, an dem man für einen neuen Begriff der Öffentlichkeit sensibilisie­ren und zugleich zeigen kann, dass es auch anders geht: gemeinsame Nutzung statt privates Eigentum, lokale Lebensqualität statt ferngesteuerter Konsum, Miteinander statt Vereinzelung. […] Die Bewirtschaftung einer Allmende schafft also nicht nur wertvolle Erfahrungen, sondern auch soziale Zusam­menhänge, die weit über sie selbst hinaus wirken.“ (Müller 2012: 269f.)

Auch Hirsch und Steinert (2012) unterstreichen die Relevanz des Lokalen und die Rolle von sozialarbeiterischer Gemeinwesenarbeit für das Schaffen von sozialer In­frastruktur:

„Die im Durchschnitt wenigen Wanderungen des Lebens geschehen von einer lokalen Lebensweise zur nächsten. Daher ist das Lokale ein ausgezeichneter Ort, um Infrastruktur für alle zugänglich her- und zur Verfügung zu stellen. Sozialarbeiterische Gemeinwesenarbeit weiß darüber ziemlich viel, hat auch Techniken der Intervention zur Verfügung und sollte die Standardform von Sozialarbeit sein.“ (Hirsch/Steinert 2012: 8)

Dabei kann grundsätzlich davon ausgegangen werden, dass Menschen wesentlich mehr sind als nur individuelle Nutzenmaximierer_innen im hegemonialen Verständ­nis der Wirtschaftswissenschaft. Spätestens die oben geschilderten Forschungsergeb­nisse von Elinor Ostrom haben deutlich gemacht, dass das Modell des Homo Oeco­nomicus nicht zur Beschreibung des realen, sich in vielfältigen Variationen manifes­tierenden menschlichen Handelns taugt. Menschen müssen nach allen empirischen Erkenntnissen als grundsätzlich auf Kooperation ausgelegte soziale Wesen betrachtet werden:

„Die Frage ist nicht, ob Menschen kooperieren, sondern wie ihnen geholfen werden kann, das zu tun.“ (Ostrom, Elinor, zit. nach Helfrich 2011: 12f., Her­vorhebung im Original)

Unter kapitalistischen Bedingungen ist Kooperation jedoch nicht als zwangsläufiger Gegensatz von Konkurrenz zu denken. Die menschliche Fähigkeit zur Kooperation spielt auch innerhalb kapitalistischer Verwertungsprozesse eine wesentliche Rolle. Aktuell stattfindende Umstrukturierungen und Optimierungen von Arbeitsprozessen zielen denn auch genau auf diese menschliche Fähigkeit, allerdings mit dem Ziel sie besser verwertbar zu machen, wenn etwa die Kontrolle über die Erbringung individu­eller Leistung von einer zentralen Instanz in einzelne kooperativ arbeitende Teams ver­lagert wird. Auch zwischen verschiedenen Unternehmen findet innerhalb des markt­wirtschaftlichen Wettbewerbs Kooperation statt. Damit wird indessen das über­geordnete Ziel verfolgt, sich im Konkurrenzverhältnis und gegen die Konkurrent_in­nen bes­ser behaupten zu können:

„Kooperation bei Unternehmen ist […] die Voraussetzung von Konkurrenz, nicht ihr Gegenteil.“ (Meretz 2012: 60)

Die Commons-Institutionen zugrundeliegende Logik unterscheidet sich jedoch von der Marktlogik. Innerhalb und zwischen ihnen findet ebenfalls Kooperation statt – al­lerdings nicht, um andere Commons-Institutionen auszubooten, und sie erzeugen auf diese Weise sowohl entsprechende soziale Strukturen und Praktiken als auch „Pro­dukte – welcher Art auch immer. Kurz: Kooperation erzeugt Kooperation und Nützli­ches.“ (ebd.) Commons basieren auf der freien Kooperation von je spezi­fischen Men­schen in ihrer jeweiligen Einzigartigkeit, die sich gemeinsam Regeln geben, um Res­sourcen gemeinsam zu nutzen, sie zu erhalten oder zu vermehren. Verantwortungs­volles Han­deln ist Voraussetzung für die dauerhafte Existenz von Commons, wird durch sie aber auch ermöglicht:

„Kooperation ist gewissermaßen Mittel und Ziel in einem. […] Konkurrenz braucht unabdingbar die Kooperation, aber eine Kooperation kann auch gut ohne Konkurrenz auskommen.“ (ebd.: 60f.)

Wenn von kritisch-emanzipatorischer Sozialer Arbeit das Ziel verfolgt wird, die soli­darische Kooperation von Menschen jenseits des kapitalistischen Verwertungszusam­menhangs zu unterstützen, dann kann es keine Patentlösungen und keine pauschalen Antworten von mutmaßlichen externen Expert_innen oder staatlichen Behörden ge­ben. Um funktionierende und akzeptierte Formen der Selbstorganisation und Selbst­verwaltung zu schaffen, ist die Existenz und Verfügbarkeit von zeitlichen und räumli­chen Rahmen erforder­lich, in denen von den jeweils Betroffenen eigenständig, be­wusst und kollektiv ent­sprechende geeignete Regeln und Verfahren ausgehandelt werden können. Die Auf­gabe der in der Sozialen Arbeit Tätigen ist in diesem Kon­text die Unterstützung bei derartigen (wechselseitigen Lern- und Bildungs-) Prozes­sen. Wie ich in den Ausfüh­rungen zur Geschichte der Gemeinwesenarbeit gezeigt habe, hatte Soziale Arbeit in Gemeinwesenzentren wie dem Hull House Anteil an der Gründung solcher Formen solidarischer Organisation, und sie kann ihn auch heute ha­ben. Auf Ansatzpunkte für eine Stärkung und Verallgemeinerung derartiger Praxen gehe ich in den folgenden Abschnitten ein.

4.2 Das Ökonomische vom Sozialen aus denken und gestal­ten

Lohnarbeit, also der – zunehmend unsicherer werdende – Tausch der Ware Arbeits­kraft gegen Geld auf dem Arbeitsmarkt, stellt aktuell in kapitalistisch strukturierten Nationen (nach wie vor) eine zentrale Vor­aussetzung für die soziale Integration der Mehrheit der Menschen dar. Diese Anfor­derung wird durch eine spezifische Leis­tungsideologie fundiert, nach der nur die Tä­tigkeiten, die auch in Geld bemessen werden (können), als Arbeit (im Sinne von Lohnarbeit) anerkannt werden. Die Märk­te werden als „zweite Natur“ (Fisahn 2010) behandelt, an deren Befindlich­keiten sich (individuell und gesellschaftlich) anzupassen sei. Dabei geraten regelmä­ßig alle For­men von Tätigkeit, die nicht als Erwerbsarbeit organisiert sind, wie etwa Reprodukti­onsarbeit im häuslichen Bereich, ehrenamtliche Tätigkeiten oder Qualifi­kation bzw. Bildung, aus dem Blick (vgl. Möller 1998) und existieren, obwohl sie gesellschaftl­ich und individuell bedeutsam sind, in der Diskussion um Arbeit/Lohnarbeit gewis­sermaßen nur als Schatten, als Schattenarbeit. (vgl. Illich 1982: 75ff.)

Vor dem Hintergrund der allenthalben zu beobachtenden sozialen, ökologischen und kulturellen Destruktivität des herrschenden Systems und der ihm zugrundeliegenden Logik, der Krise des Lohnarbeitssystems, die einer zunehmend größeren Zahl von Menschen keine Perspektive mehr für eine Verwertung auf dem Arbeitsmarkt gibt und (u.a.) daraus resultierender gesellschaftlicher Desintegration, die sich in Zeiten der aktuellen Vielfachkrise noch verschärft, erfahren Formen lokaler, solidarischer Öko­nomie wieder verstärkte Aufmerksamkeit, da in ihnen eine Alternative zur domi­nanten Wirtschaftsform gesehen wird. Der Begriff Solidarische Ökonomie und eine ent­sprechende Praxis stammt ursprünglich aus Lateinamerika. Dort wurde er in den 1970er Jahren von dem chilenischen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Luis Ra­zeto Migliaro geprägt, der kleine Selbsthilfeunternehmen von Marginalisierten unter­suchte. Als Bedingungen für ihr Gelingen beschrieb er den sogenannten Faktor C:

Companerismo (Freundschaft), Cooperacion (Zusammenarbeit), Comuni­dad (Gemeinschaft), ComUnion (Einheit in der Vielfalt), Colectividad (Kol­lektivität), Carisma (Charisma), garniert mit der Kategorie des Compartir (Teilen)“ (Eder 2003, zit. nach Voß 2010: 13).

Diese Form des Wirtschaftens spielt mittlerweile in vielen Ländern Lateinamerikas eine große Rolle und weist inhaltlich viele Verbindungen zu den ursprünglichen Prin­zipien der Genossenschaftsbewegung auf. Sie ist Teil einer sozialen Bewegung (im weiteren Sinne), die auf die demokratische Kontrolle auch der Ökonomie durch die Gesellschaft abzielt. Dabei geht es darum, a) selbstorganisierte Kollektive, die im Be­sitz der Arbeiter_innen sind, b) kooperative Finanzorganisationen und c) sozial verantwortliche Formen des Konsums so miteinander zu verbinden, dass expandierende wirtschaftliche Netzwerke entstehen, deren Überschüsse in soziale und ökologische Regenerierung investiert werden. (vgl. Azzelini 2010) Darin besteht sowohl ein wesentlicher Unterschied zu dem, was im sogenannten real existierenden Sozialis­mus an zentralistischer bürokratischer Planung durch Regierungsinstitutionen stattgefun­den hat, als auch zum Kapitalismus und der ihm zugrundeliegenden Logik der Profitmaximierung. (vgl. Dyer-Witheford 2007) Solidarische (und damit nicht-profitorien­tierte) Ökonomie und Commons und auf ihnen basierende Produktions- und Lebens­weisen können als Ansätze für eine alternative Wirtschafts- und Lebensweise im Hier und Jetzt begriffen werden.

Ein mit der Solidarischen Ökonomie verwandter und spezifisch auf Gemeinwesen ausgerichteter Ansatz, bei dem Gemeinwesenarbeit und Ökonomie miteinander ver­bunden werden, ist der der Gemeinwesenökonomie, den Susanne Elsen seit den 1990er Jahren formuliert hat. Er stellt den Versuch einer Antwort auf die mit der Durchsetzung und Ausbreitung der kapitalistischen Logik einhergehende „Entbettung des Ökonomischen“ (Polanyi) bzw. „Kolonialisierung der Lebenswelt“ (Habermas) dar und steht in der Tradition der Gemeinwirtschaft. So wird ein nicht profitorientier­ter Wirtschaftssektor bezeichnet, der parallel zum profitorientierten privatwirtschaft­lichen Sektor existiert. (vgl. Krätke 2001: 209f.) In Deutschland hatten Gewerkschaf­ten seit den 1920er Jahren Unternehmen der Gemeinwirtschaft aufgebaut, und solche alternativen, auf Genossenschaften basierenden Ansätze der Wirtschaftsorganisation spielten in den Diskussionen um Wirtschaftsdemokratie im Deutschen Reich der 1920er Jahre eine große Rolle. (vgl. ebd.: 212) Die gewerkschaftseigenen gemein­wirtschaftlichen Unternehmen entwickelten sich jedoch nach dem Zweiten Weltkrieg zunehmend derart, dass sie mit dem Ziel der Unternehmensexpansion um „Marktan­teile in Versorgungsbereichen, deren Ausbau ‘im Allgemeininteresse’ liegt“ (ebd.: 213), kämpften. Das gewerkschaftliche gemeinwirtschaftliche Engagement in der BRD endete mit dem Zusammenbruch des gewerkschaftseigenen Wohnungsunternehmens Neue Heimat Ende der 1980er Jahre. Die Entwicklung, die die gemeinwirt­schaftlichen Unternehmen der Vergangenheit durchmachten, weist auf die Schwierig­keit hin, unter kapitalistischen Bedingungen die Logik eines nicht profitorientierten Unternehmens dauerhaft aufrechtzuerhalten. Da die (Sozial-)Politik in der BRD nach wie vor auf die Logik der Kapitalakkumulation zugeschnitten ist und im Bereich der sozialen Dienste – wie in Abschnitt 1 beschrieben – starke Tendenzen zur Vermarktli­chung festzustellen sind, kommen Initiativen, die darauf abzielen, die Wirtschaft wie­der in das/die Gemeinwesen einzubetten, nicht umhin, die politischen Rahmenbedin­gungen zu berücksichtigen und sich zu ihnen verhalten.

Anknüpfend an das Marx’sche Verständnis von Gemeinwesen zielt Gemeinwesen­ökonomie „auf die Rekonstruktion des äußeren Gemeinwesens, der kulturellen, so­zialen, ökologischen und ökonomischen Tragfähigkeit der Lebenszusammenhänge. Sie stellt das äußere Gemeinwesen [– den sozialräumlichen Lebenszusammenhang einer territorialen Einheit –] als Lebenszusammenhang der Menschen mit seiner na­türlichen Umwelt und einer gewachsenen Kultur in den Mittelpunkt, um das innere Gemeinwesen, das wahre menschliche Wesen zum Vorschein zu bringen.“ (Elsen 1997: 76) Sie ist als „langfristiger gesellschaftlicher Lernprozeß“ (ebd.: 80) konzi­piert, dessen zentrales Ziel die Rückbettung der Ökonomie bzw. ökonomischer Handlungsvollzü­ge in die jeweiligen sozialen und kulturellen Zusammenhänge ist. So wie von der ur­sprünglichen Genossenschaftsbewegung wird dabei auf eine Reper­sonalisierung, Re­moralisierung und Repolitisierung der Ökonomie sowie anderer Le­bensbereiche und damit eine neue – menschenorientierte – Wirtschaftskultur abge­zielt. Zu diesem Zweck wird angestrebt, „bedarfsorientierte, gemeinwirtschaftliche Kreisläufe [zu bil­den], in denen der Markt tendenziell ausgeschaltet wird [und in de­nen] Gewinne nicht privatisiert [werden], sondern […] der Absicherung und Weiter­entwicklung der Gemeinwesenökonomie [dienen]“ (ebd.: 79). Die Beantwortung der Frage, wonach Bedarf besteht, soll nicht der unsichtbaren Hand des Marktes überlas­sen werden, sondern „in den Gemeinwesen als Zielfindungsprozeß verankert werden, an dem alle Menschen teilhaben können“ (ebd.: 80). Für die damit verbundene Per­spektive der „Wiedergewinnung von Gemeinheit“ (Elsen 1997: 126) bzw. einer „Wiedergewinn­ung der Lebenswelt“ (ebd.: 168f.) ist „die Idee der ökonomischen Selbstorganisati­on und damit verbunden der Wiedergewinnung und Erhaltung eigen­mächtiger Handlungsfähigkeit, bedarfsgerechter Versorgung und Existenzsicherung“ (ebd.) zen­tral. In diesem Moment besteht die wechselseitige Anschlussfähigkeit und die Ba­sis für Kooperation zwischen einzelnen Solidarischen Ökonomien und Commons. (vgl. Exner/Kratzwald 2012: 92ff.)

Im Rahmen einer erwerbsarbeitsfixierten Gesellschaft und unter Bedingungen der Zuschreibung individuellen Versagens beim Scheitern am Lohnarbeitsmarkt leiden insbesondere diejenigen, die in diesem Prozess keinen Platz finden bzw. ausgegrenzt werden. Die Gemeinwesenökonomie zielt auf eine „Abkehr von der Fixierung auf marktvermittelte Erwerbsarbeit“ (Elsen 1997: 80) und darauf, die Menschen in einem Gemeinwesen dabei zu unterstützen, das Vertrauen in ihre Handlungsfähigkeit (wie­der) zu gewinnen und die Verfügung über die eigenen Lebensbedingungen zu erwei­tern. Grundlegende Momente dabei sind kooperativ-solidarisches Tätigsein sowie von- und miteinander Lernen. Als dafür notwendige Orte innerhalb eines Gemeinwe­sens nennt Elsen „Kristallisationspunkte, an denen Ressourcen zusammengeführt, neue Kombinationen erprobt, Visionen entwickelt und soziale Erfindungen realisiert und reflektiert werden können“ (ebd.: 81) Elsen stellt in ihrer Begründung der Ge­meinwesenökonomie diverse Bezüge zu herrschafts- und entfremdungskritischen An­sätzen von Lernen, Bildung und Erziehung her. Sie verweist etwa auf Kropotkins An­satz der education integrale, der auf eine Integration der Bildung ins soziale Le­ben setzt, die Theorie und Praxis von Gemeinwesenarbeit in Hull House, von dem ausge­hend sich in die Gestaltung ökonomischer Handlungsvollzüge eingemischt und eige­ne Gemeinwesenökonomien realisiert wurden. (vgl. Abschnitt 1.3).
Den insbesondere im Kontext der Diskussion um Commons zentralen Punkt der Aus­führungen Elsens stellt die Feststellung dar, dass sich der Begriff des Gemeinwesens nicht auf ein bestimmtes Territorium beschränkt, sondern das „’Recht auf Gemein­heit’“ (Elsen 1997: 84) für alle gemeinen Leute / common people beinhaltet, womit „das Gemeingut, die Grundlage gemeinsamer Bedarfsdeckung, das was allen gehört und allen nutzt“ (ebd.) gemeint ist:

„Dem Zusammenleben des gemeinen Volkes, der Gemeinschaft der Gleichen, kamen in traditionellen Gesellschaften gemeinsame Nutzungsrechte zu. Dies ist der eigentliche sozialkulturelle Sprengstoff des Verständnisses von Gemeinwesenökonomie und sein eigentliches Lernziel. Es beruht auf einem ra­dikalen Gerechtigkeitsbegriff, der ‘Verteilungsgerechtigkeit beim Zugang zu und bei der Kontrolle von Reichtum und Ressourcen’ (Cobelli 1996) meint.“ (ebd., Hervorhebung im Original)

Auf institutionelle im Sinne von organisatorische Formen, in denen solche selbstor­ganisierten Ansätze einer Sozialisierung des Ökonomischen praktiziert werden (kön­nen), werde ich im Folgenden eingehen.

4.3 Commons als Grundlage kooperativ-solidarischer Formen von Vergesellschaftung

Angesichts der aktuellen Entwicklungen – der Indienstnahme des ganzen Menschen, des Abbaus von sozialen Rechten (Hartz IV) und der gesellschaftlichen Exklusion ei­ner immer größer werdenden Zahl von Menschen – gewinnt der Kampf um die Ver­teidigung bzw. Wiedererlangung sowohl von sozialen als auch von ökonomischen Rechten eine neue Bedeutung. In diesem Zusammenhang spielen Commons und der Kampf um sie eine besondere Rolle, da auf ihrer Grundlage die Realisierung alterna­tiver, nämlich kooperativ-solidarischer Formen der Vergesellschaftung möglich ist.

Die Möglichkeit zur gesellschaftlichen und politischen Teilhabe setzt eine ökonomi­sche Fundierung wesentlich voraus. Die Existenz von und die gemeinschaftliche Ver­fügung über Commons(-Institutionen) und die mit ihnen einhergehende Möglichkeit zur kooperativ-solidarischen (Selbst-)Versorgung kann einen Beitrag zu dieser öko­nomischen Fundierung leisten bzw. diese gewährleisten. So schützt etwa das Verfü­gen über Wohnraum als (genossenschaftliches) Gemeinschaftseigentum vor dessen Verlust in Krisenzeiten. Für gesellschaftliche und politische Teilhabe in der heutigen Zeit reicht jedoch der Zugang zu Commons, auf Grundlage derer sich bspw. die (Selbst-)Versorgung mit Lebensmitteln realisieren lässt, nicht aus. Darüber hinaus bedarf es auch ganz basal des offenen Zugangs zu kulturellen, informationellen und sozialen Ressourcen, auf deren Grundlage kooperativ gelernt werden kann, die ko­operatives Tätigsein und die Gestaltung des Sozialen ermöglichen. Was kann das nun praktisch bedeuten?
Die Commons-Perspektive fokussiert auf die Selbstorganisation der Menschen und nicht in erster Linie auf den Staat oder den Markt. Prozesse des Erkämpfens bzw. des Verteidigens von Commons finden jedoch gleichwohl nicht in luftleeren (Frei-)Räu­men statt, sondern sind immer in spezifischen Kontexten jeweils existierender öko­nomischer Rahmenbedingungen und staatlicher (Macht-)Strukturen situiert, wie am Beispiel ‘Park Fiction’ deutlich wurde. Vermittels der staatlichen Strukturen kann eine Menge dafür getan werden, um Selbstverwaltung zu unterstützen – etwa durch das Schaffen von rechtlichen und anderen Rahmenbedingungen, die der Selbstorganisati­on auf Grundlage von Commons förderlich sind –, über sie kann je­doch auch eine Menge getan werden, um das Entstehen und die Entwicklung von Strukturen der Selbstverwaltung zu be- bzw. verhindern.[59]

In Abschnitt 4.3.1 werde ich mich zunächst der Frage a) nach der grundsätzlichen Bedeutung der Existenz von Institutionen für die (dauerhafte) Organisierung und Si­cherung von Commons und b) nach historisch und gegenwärtig vorfindlichen For­men der Institutionalisierung derartiger Vergesellschaftungsformen zuwenden.
In Abschnitt 4.3.2 werde ich die Rolle bzw. Bedeutung von Commons im Rahmen ei­ner Transformationsstrategie beleuchten, die darauf gerichtet ist, konkrete soziale Be­ziehungen und die Fähigkeit zur unmittelbaren Kooperation im Gegensatz zu
ab­strakten entfremdeten Marktmechanismen zu stärken, das Soziale nicht als Ware, sondern als „einen allen zustehenden Gebrauchszusammenhang zu verstehen und einzufordern“ (Vellay 2006: 50) und „die Produktionsmittel für ‘das Soziale’ auf der lokalen Ebene als ‘Gemeinheiten’ in gebrauchsförmige Nutzung durch die BürgerIn­nen zu überführen“ (ebd.).

4.3.1 Die Bedeutung der Institutionalisierung alternativer For­men und Institutionen[60] der Vergesellschaftung

Das Kümmern um Commons funktioniert nach bestimmten Regeln, die sich die An­eigner_innen bzw. Commoner selbst gegeben und – wenn erforderlich – in Aushand­lung mit externen Akteur_innen entwickelt haben. Sowohl im Rahmen der Produkti­on von Freier Software als auch im Commoning in Bezug auf materielle Ressourcen sind bestimmte Formen der Organisation entwickelt worden, die sich jeweils als zweckmäßig erwiesen haben, da sie die Kooperation, Interaktion und gemeinsame Selbstorganisation fördern. Wie die Forschungen von Ostrom et al. gezeigt haben, ist für die dauerhafte Existenz eines Commons eine Institutionalisierung der Assoziation von Commonern und die Aushandlung und verbindliche Fixierung von bestimmten Formen der gemeinsamen Organisation entscheidend:

„In der Vergangenheit wurde oft kurzfristig in die Beteiligung der Bürgerin­nen und Bürger an lokalen Projekten investiert. Dass dies vergeblich ist, ist nicht weiter verwunderlich, denn es ist kosten- und zeitaufwändig, Probleme des kollektiven Handelns zu überwinden. Wenn es gelingen soll, müssen auf verschiedenen Ebenen – lokal, regional und national – neben der konkreten Projektarbeit auch solide Institutionen entstehen. Viele so genannte Partizipa­tionsprogramme von Gebern, Regierungen oder Nichtregierungsorganisatio­nen bestehen vorwiegend aus Sitzungen. Sie zielen kaum darauf ab, die Verantwortung wirklich an die Betroffenen zu übertragen. Aber nur an Sitzungen teilzunehmen ist langweilig. Es ist teuer und es lohnt sich nicht!“ (Ostrom 2011: 36)

Die Feldforschungen der Ostrom-Schule belegen zudem, „dass das Vorschreiben de­taillierter Regeln [durch externe Akteur_innen, F.M.] oft weniger erfolgreich ist, als das gemeinsame Erarbeiten“ (Helfrich 2011: 14).

Die Institutionen, die zum Verwalten von kollektiv genutzten Ressourcen entwickelt wurden, waren und sind – je nach dem, um was für Ressourcen es jeweils geht und wo sie existieren – vielfältig. Eine bereits im Mittelalter weit verbreitete Form der In­stitution ist die der Genossen­schaft. (vgl. Abschnitt 2.2 und Engels 1882) Sie wird von Ostrom exemplarisch in Form der Gemeindegenossenschaft des Dorfes Törbel (Schweiz) vorgestellt, dessen Be­wohner_innen sie im Jahr 1483 durch Erstellung und Unterzeichnung einer Satzung gründeten. (vgl. Ostrom 1999: 79ff.) Die (Selbst-)Or­ganisation in Genossenschaften bzw. Kooperativen ist auch im Bereich der Soli­dari­schen Ökonomie vielfach vorzu­finden und stellt in der von Elsen (1997) vorge­legten Konzeption der Gemeinwesen­ökonomie den zentralen Bezugspunkt dar.
Das der Organisation in Form von Genossenschaften zugrundeliegende Prinzip ist das des Vereins, „sind Genossenschaften zunächst doch lediglich Vereine mit ökono­mischer Zwecksetzung“ (Kunstreich 2003: 88). Dies spiegelt sich auch in ihrer recht­lichen Einordnung als wirtschaftlicher Verein wider. Dieses der Assoziation in Verei­nen zugrundeliegende Prinzip – unabhängig von der im gegenwärtigen Bürgerlichen Gesetzbuch definierten Rechtsform – bestimmen Bühler et al. (1978) wie folgt:

„Der Verein ist […] eine soziale Gruppe (bzw. Organisation), die sich anhand der freiwilligen, formalen, nicht ausschließenden Mitgliedschaft abgrenzt, ein gemeinsames Vereinsziel und Mitgliederhandeln aufweist, sich lokal begrenzt und dauerhaft angelegt sein soll […] und [die] über ein gewisses Maß an ‘Öf­fentlichkeit’ verfügt.“ (Bühler et al. 1978, zit. nach Richter 1998: 217)

Auf die historische Bedeutung der Entwicklung des Vereinswesens in der Zeit der Spätaufklärung weist Richter (1998) unter Bezugnahme auf Habermas (1990) hin. (vgl. Richter 1998: 216f.) Nach Habermas hatten die in dieser Zeit etablierten Vereinigungen insbesondere durch ihre Organisationsform – freiwillige Mitgliedschaft, egalitäre Verkehrsformen, Diskussionsfreiheit, Majoritätsentscheidungen – zukunfts­weisende Bedeutung, insofern „[i]n diesen gewiß noch bürgerlich exklusiv zusam­mengesetzten Sozietäten […] die politischen Gleichheitsnormen einer künftigen Ge­sellschaft eingeübt werden [konnten]“ (Habermas 1990: 14). Die Assoziation in Form von Vereinen war jedoch nicht nur für die bürgerliche Emanzipation, sondern auch für die Arbeiter_innenbewegung bedeutsam, die sich seit Beginn des 19. Jahr­hunderts in einer Vielzahl von (genossenschaftlichen) (Selbsthilfe-)Vereinen organi­sierte. (vgl. Pelizzari/Petrioli 2001 und Abschnitt 2.2)
Richter (1998) betont die Relevanz, die die Selbstorganisation in Vereinen auch heute für die Verwirklichung einer Kommune bzw. eines Gemeinwesens und der demokra­tischen Vergesellschaftung ihrer Mitglieder hat bzw. haben könnte. Auch heute ist die Organisation in Form von Vereinen weit verbreitet. Abgesehen von Vereinen, die pri­mär wirtschaftliche, berufsständische, religiöse oder überlokal politische Ziele ver­folgen, lassen sich folgende Arten von Vereinen über das oben genannte Vereinsprin­zip erfassen: Sportvereine, soziale Vereine, weltanschauliche und kulturelle Vereine, Traditionsvereine, Musik- und Hobbyvereine. (vgl. Richter 1998: 217) Richter kriti­siert jedoch in Bezug auf freie Träger im Bereich der Sozialen Arbeit, die zu einem großen Teil ebenfalls als Vereine organisiert sind, dass sie die mit dieser Organisati­onsform einhergehenden Potentiale von Mitgliedschaft (und damit Mitbestimmung) der Adressat_innen und von Selbstorganisation nicht ausschöpfen. (vgl. ebd.: 218)
Er betont die historische und nach wie vor gegebene Relevanz des Vereins und insbe­sondere der Vereinsprinzipien für die Sozialpädagogik und plädiert dafür, dass die „Sozialpädagogik die Rolle des Vereins explizit wahrnimmt und ihn neben Familie und Schule als gleichberechtigte und gleichgewichtige Organisation der Vergesell­schaftung institutionalisiert“ (ebd.). Das Konzept der Kommunalpädagogik basiert denn auch zentral auf der Fokussierung der Institution des Vereins und der dem Ver­ein zugrunde liegenden Prinzipien für eine auf das Gemeinwesen bzw. die Kommune ausgerichtete Soziale Arbeit. (vgl. Richter 2009)

In diesem Kontext ist auch der Vorschlag Timm Kunstreichs an die Soziale Arbeit zu sehen, zum Zweck der Umkehrung der aktuellen Tendenz das Soziale zu ökonomi­sieren, die Organisationsform der Sozialgenossenschaften als Mittel, das Ökonomi­sche vom Sozialen her zu denken und zu gestalten, verstärkt in den Blick zu nehmen. (vgl. Kunstreich 2005) Er bezieht sich dabei auf den Philosophen und (Sozial-)Päd­agogen Paul Natorp (1854-1924), der Anfang des 20. Jahrhunderts das Konzept einer umfassenden Rätedemokratie, die er als vielgliedriges System „wechselseitiger im­mer von ‘unten’ kontrollierter Kooperation“ (Kunstreich 2005: 120), als „Genossen­schaft von Genossenschaften und sofort, bis zum umfassenden Ganzen, dem Sozial­staat“ (Natorp 1974/1988, zit. nach Kunstreich 2005: 120) konzipierte. Das Konzept der Sozialgenossenschaft skizziert Kunstreich wie folgt:

„[…] so könnte man sich vorstellen, dass jedem und jeder Jugendlichen ab ei­nem bestimmten Alter ein Recht auf einen Genossenschaftsanteil zusteht, der Stadtteil- und/oder projektbezogen gültig ist. Über die in den Genossen­schaftssatzungen vorgesehenen Organe würden Kinder und Jugendliche di­rekt Einfluss auf die für sie gedachten Angebote nehmen können. Fachkräf­te könnten entweder selbst Mitglied in diesen Genossenschaften sein oder eine eigene professionelle Sozialgenossenschaft gründen, um mit den Jugend­lichen-Quartiers- oder Projektgenossenschaften entsprechende Verträge abzu­schließen. Eine derartige Vision würde nicht mehr Geld kosten, sondern Geldströme anders verteilen. Allerdings wären derartige Genossenschaften mächtiger als isolierte einzelne Jugendliche oder jugendliche Cliquen. Sie wären Akteure in der ‘Kampfarena’ kommunaler Sozialpolitik.“ (Kunstreich 2005: 119)

Die solidarische Assoziation in Vereinen ermöglicht, genauso wie die in Genossen­schaften, prinzipiell die Herausbildung einer Praxis, die „statt Konkurrenz, Auslese und Selektion Kreativität, Einmaligkeit und Reziprozität erlebbar macht“ (Kunst­reich 2005: 107). In diesem Sinne wäre als Aufgabe von Gemeinwesenarbeit zu be­stimmen, an bereits bestehende institutionalisierte Formen von Assoziation anzu­knüpfen und beim (kooperativen) Aufbau neuer Institutionen, die es den Menschen leichter machen, vor Ort solidarisch zu kooperieren, unterstützend zu wirken.

Im Folgenden werde ich die Auseinandersetzung um ein Recht auf Gemeinheit, auf Selbstverwaltung und -organisation und die Ausweitung derartiger Strukturen im Kontext einer transformatorischen Strategie „von unten“, die auf die „Erweiterung der Verfügung über die Lebensbedingungen im allgemeinen Interesse der Erhöhung ‘menschlicher’ Lebensqualität“ (Holzkamp 1983) abzielt, darstellen.

4.3.2 Commons im Rahmen einer Transformationsstrategie

„[T]he commons form, like the commodity form, is first and foremost a social relati­on, and its most important dynamism lies in the alteration of collective logics.“ (Dyer-Witheford 2007)

Die Redaktion der Zeitschrift „Widersprüche“[61] formulierte 1984 vor dem Hinter­grund der Krise des keynesianischen Sozialstaats und ausgehend von einer „Kritik der sozialstaatlichen Vergesellschaftungsform und Rationalität, des spezifischen In­einander von Hilfe und Herrschaft“ (Widersprüche-Redaktion 1984) ein Strategie- bzw. Diskussionspapier unter dem Titel „Verteidigen, kritisieren und überwinden zu­gleich!“ (vgl. ebd.). Darin wird, ausgehend von Antonio Gramscis Konzept der He­gemonie, eine Transformationsstrategie entworfen, die „auf einen pluralistischen ‘Block’ alternativer Hegemonie in Lebens- und Arbeitsformen gegen die herrschende Politik und Kultur der Angst und Ausgrenzung“ (ebd.) zielt. Als bereits praktisch ge­wordene Elemente einer solchen Alternative werden „soziale Beziehungen jenseits der kapitalistischen Vergesellschaftung, Verhältnisse zu Natur und Körper jenseits der Wert-Abstraktion, Produktionsbeziehungen jenseits von Geschlechterarbeitstei­lung und kapitalistischen ‘Produktivitäten’“ (ebd.) genannt. Das diesen Elementen zu­grundeliegende Prinzip wird als „selbstbestimmte Vergesellschaftung im Sozial­staat“ (ebd.), und damit als gegen die sozialstaatliche Hegemonie gerichtet, benannt. An diese Perspektive lässt sich mit der Orientierung auf Commons als soziale Bezie­hungen jenseits von Markt und Staat anknüpfen.
Wozu sich kritisch-emanzipatorische Soziale Arbeit insgesamt verhalten müsste, hat die Redaktion der Widersprüche (1984) wie folgt formuliert:

„Die Orientierung aller sozialstaatlichen Leistungen an der ideologischen Fi­gur des leistungsbereiten Lohnarbeiters läßt jeden Menschen, der diesem Bild nicht entspricht, zu einem Menschen mit Defiziten werden. Diese Defizi­te müssen herrschaftlich so verwaltet und organisiert werden, daß keine Le­benssituation entstehen kann, die eine lebbare Alternative zur Lohnarbei­terexistenz wäre.“ (ebd.)

Nach wie vor sind die meisten Handlungsfelder der Sozialen Arbeit in den sogenann­ten westlichen Industriestaaten auf die Kompensation sozialer Schäden, das Leitbild der „Transformation von Nicht-Lohnarbeitern in Lohnarbeiter“ (Richter 2001: 216) und die Anpassung ihrer Adressat_innen an die derzeitigen gesellschaftlichen Rah­menbedingungen ausgerichtet.[62] Angesichts der gegenwärtigen Zunahme von prekä­ren Beschäftigungsverhältnissen und einer großen Zahl langzeiterwerbsloser Per­so­nen wird das auf Lohnarbeit basierende Leitbild jedoch zunehmend brüchig. Dafür, auch heute „lebbare Alternativen zur Lohnarbeiterexistenz” (Widersprüche-Redakti­on 1984) im Hier und Jetzt zu schaffen und (bereits existierende) zu unter­stützen, spricht u.a. die soziale Desintegration und tenden­zielle Ver­einzelung von (langzeit-)erwerbslosen Menschen unter gegenwärtigen Bedingungen. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund sind Perspektiven für die Ver­wirklichung sinn­vollen kooperativen Tätig­seins, das nach Maslow zu den mensch­lichen Grundbedürf­nissen gehört (vgl. Haber­mann 2012: 64), bitter nötig. Darüber hinaus stellen solche „lebbaren Alternativen“, als welche Commons und Solidarische Ökonomien gelten können, einen Schritt zur Emanzipation aus der Logik von Kapi­talverwertung und Unterordnung der mensch­lichen Bedürfnisse unter die Marktlogik dar. Darauf ver­weist auch Kratzwald (2011):

„Das Recht auf Commons gibt den Menschen die Verfügungsmacht über Din­ge, die sie zum Leben brauchen, damit die Macht, ihr Lebensumfeld auto­nom zu gestalten und die Macht die Zumutungen des Kapitals zurückzuwei­sen, also Lohnarbeit und Versorgung über den Markt zu verweigern.“ (Kratz­wald 2011)

Von einer Gemeinwesenarbeit, die nicht nur auf das Angebot von (individuellen) Hil­fen, sondern auf den Aufbau von Strukturen der Veränderung gemeinsam mit Betrof­fenen gerichtet ist, sollte zur Förderung und Unterstützung solcher Ansätze beigetra­gen werden. Dafür wären die in einem spezifischen Gemeinwesen bereits existieren­den kooperativen Strukturen, wie etwa Soziale Zentren, selbstverwaltete bzw -gestal­tete Parks, Vereine oder Gemeinschaftsgärten, in ihren Potentialen wahr­zunehmen und durch die in der Sozialen Arbeit verfügbaren Kenntnisse und Ressour­cen zu för­dern, sowie bei ihrer (Weiter-)Entwicklung und Ausdehnung unterstützend tätig zu werden.
In­wiefern eine solche Orientierung der Sozialen Arbeit im Konkreten reali­siert wer­den kann, hängt jedoch nicht zuletzt von der programmatischen Ausrichtung der je­weiligen Trägerorganisationen und der Stärke der eigenen Organisationen der in der So­zialen Arbeit Tätigen ab.[63]

Im Rahmen einer auf die Ausweitung der Commons-Logik, d.h. der Logik der ge­meinsamen Verfügung über die Lebensbedingungen, gerichteten Perspektive ist auch die Perspektive einer „Rückeroberung des Öffentlichen“ relevant. Damit ist eine Überschreitung des exemplarisch bei Hardin (1968) zu findenden hegemonialen kon­zeptuellen Dualismus von Markt und Staat gemeint, bei dem öffentlich mit im Ei­gentum des Staates oder mit vom Staat organisiert gleichgesetzt und als einzige Al­ternative dazu die über den Markt vermittelte privatwirtschaftliche Organisation von Dienstleistungen und Produktion gesehen wird. Wie ich oben gezeigt habe, bildeten Commons in der Geschichte stets die Grundlage für die Öffentlichkeit der Besitzlo­sen. An/In ihnen wurden Fragen öffentlichen (im Sinne von gemeinsamen) Interesses von al­len Menschen, die sich an der Gestaltung eines Gemeinwesens beteiligen, und nicht von der Obrigkeit bearbeitet. (vgl. Kratzwald 2012: 81) Ein derartiges „Ver­ständnis des Öffentlichen umfasst auch die Aspekte der Aneig­nung und Selbster­mächtigung und bestimmt ‘das Öffentliche’ als Ort des Commoning“ (ebd.). Den So­zialstaat aus Perspektive der Commons neu zu denken, würde heißen, aus der Privat­heit herauszutreten und sich kooperativ den Staat und das Öf­fentliche wieder anzu­eignen, „wobei Staat alle Verwaltungsebenen umfasst, auch Bundesländer und Ge­meinden. Das heißt, dass wir uns wieder als Teil der Öffentlich­keit verstehen müssen, in der Politik gemacht wird.“ (ebd.: 81f.) Dass die Mitglieder eines Gemeinwesens beispielsweise über konkrete Projekte der Stadtgestaltung, die sie direkt betreffen, entscheiden könnten, ist gegenwärtig nicht vorgesehen und keine gängige Praxis. Der Anspruch auf die Realisierung eines Commons – wie z.B. eines von den Anwohner_innen selbstverwalteten Parks anstelle des Verkaufs des Gelän­des und seiner Be­bauung – ist daher unter den Bedingungen neoliberaler Standort­politik alles andere als einfach durchzusetzen und bedarf bis zur tatsächlichen (Rück-)Eroberung des öf­fentlichen Raumes sozialer Bewegung(en), jahrelanger Arbeit, Initiative und Einmischung.

Auf der Grundlage von existierenden Commons, die jedoch einer verbindlichen Insti­tutionalisierung bedürfen, um dauerhaft in dieser Form existieren zu können, sind tendenziell auch „neue, substanziellere Formen der Demokratie” (Exner/Kratz­wald 2012: 24) realisierbar, da die Verwaltung von Commons auch die Entschei­dungsgewalt über die Nutzung von Ressourcen beinhaltet. Dies wird etwa im Kon­text der aktuellen stadt­politischen Auseinandersetzungen um Fragen der Gestaltung und Entwicklung der Stadt deutlich. Die Grenzen der neoliberalen Stadtentwicklung nach dem Programm der Stadt als Standort im internationalen Wettbewerb werden in dem Ausmaß deut­lich, in dem „weiße Flecken als kapitalistisches ‘Niemandsland’“ (Vellay 2006: 41) aus Leerständen und untergenutzten Grundstücken entstehen – Be­reiche, die unter Aspekten der Verwertungslogik als nicht profitabel gelten und daher aus der Wert­schöpfung herausfallen. Vor diesem Hintergrund und an diesen Orten können „die Kooperationsmodi jenseits der Warenform ausgehandelt werden, um Gesellschaft­lichkeit ‘neu zu erfinden’. In dieser Zone des Übergangs entstehen bereits heute frühe Praxisformen einer post-kapitalistischen Gesellschaft, oftmals umgeben von fortge­setztem Niedergang und wachsender Verelendung.“ (ebd.) In diesem Kon­text etwa Wohnraum nicht in erster Linie unter Maßstäben des Privateigentums und dessen tauschwertbezogener profitabler Verwertung, sondern als Commons zu be­trachten, würde einige weitreichende Konsequenzen mit sich bringen. Derart geriete nämlich die Frage der realen Nutzung von Wohnraum (der Besitz) im Gegensatz zum ver­meintlich selbstverständlichen juristischen Rechtsverhältnis Privateigentum in den Blick, und es würden andere Formen der Vergabe von und Verfügung über Wohn­raum als die derzeit üblichen denk- und artikulierbar. (vgl. Interventionistische Linke 2012: 11f.) Um solche und vergleichbare Perspektiven nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch voranzubringen, braucht es soziale Bewegung(en). Soziale Arbeit kann die­se nicht initiieren, gleichwohl kann sie auf unterschiedliche Weise zur Ent­wicklung günstiger(er) bzw. unterstützender(er) Rahmenbedingungen beitragen.


Fußnoten

58) Als kritisch-emanzipatorische Soziale Arbeit verstehe ich Sozialarbeit und Sozialpädagogik, die auf die Befreiung aus Abhängigkeitsverhältnissen gerichtet ist. Dazu gehört die Perspektive einer Überwindung bzw. Aufhebung von Entfremdung, die sich aus der kapitalistischen Logik von Privateigentum, Lohnarbeit und Profitmaximierung ergibt. Als Emanzipation verstehe ich im Anschluss an Oelschlägel (1978) gleichermaßen „jeden Schritt und jede Bemühung, die auf dieses Ziel gerichtet sind“ (Oelschlägel 1978, zit. nach Boulet et al. 1980: 322).

59) Am Beispiel der gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in Venezuela und dem dort sowohl konflikthaften als auch kooperativen Prozess einer Demokratisierung der Gesellschaft von zwei Seiten – getragen sowohl von etatistischen (sozialistischen und sozialdemokratischen) als auch autonomen Strömungen – lässt sich dieses Spannungsverhältnis und der Umgang damit untersuchen. (vgl. Azzelini 2010)

60) Mit dem Begriff Institution werden „stabile, auf Dauer angelegte Einrichtungen zur Regelung, Herstellung oder Durchführung bestimmter Zwecke“ (Schubert / Klein 1997: 139) bezeichnet. Diese Einrichtungen können in bestimmten sozialen Verhaltensweisen, Normen oder Gesetzen bestehen. Als Institution werden jedoch auch konkrete Organisationen bezeichnet, die bestimmte Zwecke verfolgen. (vgl. ebd.) Wenn ich im Folgenden von Institutionen spreche, bezeichne ich damit auf Dauer gestellte konkrete Organisationen.

61) Die „Zeitschrift für sozialistische Politik im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich“ WIDERSPRÜCHE ist 1981 aus den Informationsdiensten Schule, Sozialarbeit und Gesundheitswesen hervorgegangen, die ihre Wurzeln u.a. in den Ende der 1960er gegründeten Arbeitskreisen Kritische Sozialarbeit (AKS) hatten. (vgl. Oy 2007)

62) Zu was für absurden Effekten diese Lohnarbeitsmarktfixierung führen kann, lässt sich beispielhaft am Real Life Training-Center in Hamburg sehen, in dem Erwerbslose als Trainingsmaßnahme 40-Stunden-Wochen in einem simulierten Supermarkt arbeiten (müssen). (vgl. http://www.streifzuege.org/frohes-schaffen)

63) In diesem Kontext ist die potentielle Bedeutung der (Selbst-)Organisation der in der Sozialen Arbeit Tätigen, etwa in den seit 2005 wieder verstärkt gegründeten Arbeitskreisen Kritischer Sozialer Arbeit, zu betonen. (vgl. http://www.kritischesozialearbeit.de/)

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