Homepage von Florian Muhl

Homepage von Florian Muhl header image 3

3. Fallstudie: ‘Park Fiction’ als urbanes Commons und die Gemeinwesenarbeit

“Eines Tages werden die Wünsche die Wohnung verlassen und auf die Straße gehen … Sie werden dem Reich der Langeweile, der Verwaltung des Elends ein Ende bereiten.” (Mennicke 2002)

Bevor ich mich dem selbstorganisierten Parkprojekt ‘Park Fiction’ im Hamburger Stadtteil St. Pauli zuwende, gebe ich zunächst einen Überblick über die Geschichte St. Paulis, die dortige Entwicklung der Gemeinwesen­arbeit und die programmatische Veränderung der Stadtentwicklungspolitik der letz­ten 40 Jahre. (Abschnitt 3.1) Anschließend werde ich die Entwicklung des Projekts ‘Park Fiction’ und die Etappen seiner Durchsetzung schildern. (Abschnitt 3.2) Darauf folgt ein Exkurs zu der raumtheoretischen Perspektive nach Lefebvre, die eine wichtige Rolle bei der Arbeit der Park-Aktivist_innen gespielt hat. (Abschnitt 3.3) Nachfolgend werde ich die Rolle der GWA St. Pauli bei der Planung, Errichtung und anschließenden Pflege von ‘Park Fiction’ beleuchten (Abschnitt 3.4) und ab­schließend ‘Park Fiction’ als urbanes Com­mons beschreiben und diskutieren. (Ab­schnitt 3.5)

3.1 Hintergrund: Gemeinwesenarbeit im Hamburger Stadtteil St. Pauli und jüngere Entwicklungen der Stadtentwick­lungspolitik

Der Stadtteil St. Pauli und Gemeinwesenarbeit in St. Pauli
Der Stadtteil St.Pauli war in den 1970er und 80er Jahren Schauplatz von vielerlei so­zialen Kämpfen um die Entwicklung der Stadt bzw. des Stadtteils. Diese wurden im Zusammenhang mit der Inbesitznahme einer Reihe von Häusern in der Hafenstraße – nahe dem späteren ‘Park Fiction’ – über mehrere Jahre hinweg ausgetragen. Im Win­ter 1987 eskalierte die Situation, als die Häuser geräumt werden sollten. Durch eine Vielzahl von Aktionen konnte dies jedoch letztlich verhindert werden. Die­se Auseinandersetzungen hinterließen vielfältige Spuren im Viertel und in der Stadt.[39] Chris­toph Schäfer, der auch am Projekt ‘Park Fiction’ beteiligt war, schreibt in sei­nem Rückblick auf die „Barrikadentage“ 1987, dass sie „ein Netzwerk hinterließen und ein Gefühl dafür, was im Viertel St. Pauli möglich war“ (Schäfer 2004). Die Struktu­ren und Netzwerke im Stadtteil, die im Zuge der Auseinandersetzungen um die Häu­ser in der Hafenstraße gebildet worden waren, spielten auch bei der Entste­hung, Durch- und Umsetzung des Projekts ‘Park Fiction’ eine wichtige Rolle.

Der bis heute tätige Gemeinwesenarbeit St. Pauli e.V. (im Folgenden: GWA St. Pau­li) wurde 1975 von einer ehrenamtlich arbeitenden Studierendeninitiative gegründet. Sie unterstützte Obdachlose in einem Lager an der Eggerstedtstraße (Nähe Holstenstraße) und zog, als das Obdachlosenlager aufgelöst wurde, nach St. Pauli, zunächst in die Hamburger Hochstraße. Dort organisierte sie sich als GWA St. Pauli Süd e.V.. (vgl. GWA St. Pauli o.J.: 3) In den folgenden Jahren wurde ein vielfältiges Kunst- und Kulturangebot im Sinne des Mottos Kultur für alle (vgl. unten) entwi­ckelt. 1989 zog der Verein an den Hein-Köllisch-Platz (150 m vom Ort des späteren Park Fiction entfernt), wo 1993 das Stadtteilzentrum Kölibri als „offenes Zentrum für die Bewoh­nerInnen des Quartiers“ (Gemeinwesen­arbeit St. Pauli Süd e.V. 2005[?]: 6) eröffnet wurde.
Nach aktueller Darstellung der GWA St. Pauli basiert ihre Arbeit auf den drei Säulen Kulturarbeit, Sozialarbeit und Gemeinwesenarbeit. Konkret bedeutet dies das Ange­bot von Beratungen, Kursen für Migrant_innen, Aktivitäten für Kinder und Jugendli­che, familiärer Krisenhilfe und Kinder- und Jugendsozialarbeit. Jedoch auch die poli­tische Arbeit wird als wichtiger Teil ihrer Tätigkeit beschrieben: „Bürgerbeteiligung, Empowerment und Partizipation sind feste Bestandteile und Grundsatz der Arbeit.“ (vgl. GWA St. Pauli o.J.: 3) Als Beispiele für die Tätigkeit der GWA St. Pauli in die­sem Bereich werden die „Durch- und Umsetzung eines von AnwohnerInnen geplan­ten Parks“ – ‘Park Fiction’ –, der „Widerstand gegen die Schließung der Bücherhalle“, das „Engagement im Bündnis ‘Flüchtlinge in Hamburg Mitte’“ und der „Ein­satz für den Erhalt von günstigem Wohnraum“ (ebd.) genannt. (vgl. dazu auch Ge­meinwesenarbeit St. Pauli Süd e.V. 2005[?]: 13ff.) Um Themen von aktueller Rele-vanz für die Bewohner_innen des Viertels zu identifizieren, wurden z.B. 2002 im Zu­sammenhang mit dem Thema Wohnen in St. Pauli Methoden wie die Aktivierende Befragung angewendet. (vgl. ebd.: 21) Zusammenfassend heißt es zum Verständnis von Gemeinwesenarbeit der GWA St. Pauli:

„Wir verstehen Gemeinwesenarbeit als einen emanzipatorischen Ansatz zur Aktivierung von Menschen, die auf die Unterstützung kollektiver Verände­rungen benachteiligender Lebenssituationen gerichtet ist.“ (GWA St. Pauli o.J.: 5)

Auf seiner Homepage erklärt der Verein zu dem Arbeitsbereich Stadtteilarbeit, dass er sich bei seiner Arbeit „an den Belangen der Bevölkerung“ orientieren würde und diese dazu „aktiviere“, „sich für die Verbesserung ihrer Lebenslagen einzusetzen“. (http://www.gwa-stpauli.de/index.php?id=2) Weiter heißt es, dass seine Arbeit auf die Veränderung „gesellschaftliche[r] Strukturen und Rahmenbedingungen“ (ebd.) ziele, mit der je individuelle Probleme im Zusammenhang stünden. Zu diesem Zweck würden „die Interessen der Stadtteilbevölkerung auch in und mit Politik und Verwaltung“ (ebd.) thematisiert. „Eigeninitiative und Selbstorganisation“ sollen ge­fördert und „Einzelne und Gruppen im Stadtteil untereinander [vernetzt]“ (ebd.) wer­den. Die GWA St. Pauli beschreibt sich dabei als „Moderatorin von Dialogen (Kon­flikten)“ (ebd.), die jedoch auch aktiv „z.B. Mieterinitiativen, Demonstrationen oder Stadtteilfeste [initiiert]“ (ebd.).
Auch in der jüngeren Vergangenheit beteiligte sie sich an diversen Aktivitäten im Stadtteil, wie etwa der Initiative No BNQ[40], die sich seit 2009 gegen den Bau eines Quartiers aus Eigentumswohnungen in der Bernhard-Nocht-Straße (BNQ) engagiert oder dem 2011 gegründeten Bündnis S.O.S. St. Pauli, das sich für „eine grundlegen­de Kehrtwende in der Stadtentwicklungspolitik [und] neue Partizipationsstruktu­ren [einsetzt], die eine wirkliche Teilhabe und Mitbestimmung der Stadtteilbevölke­rung ermöglichen“[41]. Auch die Produktion des Dokumentarfilms Films „Empire St. Pauli“ wurde in diesem Kontext 2009 von der GWA realisiert. (vgl. Lohse/Jörg 2010) Aktuell (Mai 2013) sind Mitarbeiter der GWA St. Pauli an der Produktion eines Dokumentar­films über die sogenannten Esso Häuser beteiligt, die Gegenstand von Ab­rissplänen eines Investors und Anwohner_innenprotesten dagegen sind.[42]

Stadtentwicklungspolitik im Wandel
Das dominante Bild der mitteleuropäischen Großstadt war in den vergangenen Jahr­zehnten einem starken Wandel unterworfen und damit einhergehend auch allgemein die städtische und speziell die Stadtentwicklungspolitik. Wurden etwa in den 1970er Jahren unter dem Motto Kultur für alle noch Programme „zur Rückeroberung und Humanisierung von städtischen Lebensräumen“ (Lewitsky 2005: 7) aus öffentlichen Mitteln finanziert, lässt sich seit Ende der 1990er Jahre mit dem Konzept der unternehmerischen Stadt ein Politikwechsel feststellen, der auch stark auf die Lebenswelt in der Stadt zurückwirkt(e). Ging es in der Kultur- und Stadtentwicklungspolitik der 1970er Jahre noch programmatisch um eine „Demokratisierung von Kultur und de[n] Versuch einer Rückeroberung städtischer Räume durch die Schaffung kommunikati­ver Freiräume und Ruhepunkte“ (ebd.), hat die „profitorientierte Stadtentwicklung der Neuen Urbanität“ (ebd.: 8, Hervorhebung im Original) durch Prozesse der Kommerzialisierung großer Teile der Stadt einerseits zur Exklusion und Desintegration bestimmter Teile der Bevölkerung und andererseits zu einer „Homogenisierung und Fragmentarisierung von städtischem Raum“ (ebd.) geführt. Mit dem Begriff Neue Urbanität wird in der Stadtsoziologie der segregierte (abgesonderte) städtische Raum einer exklusiven Stadt der wohlhabenden Integrierten einerseits und einer Stadt der Unterprivilegierten und Marginalisierten andererseits beschrieben. Auch eine ver­stärkte Kommerzialisierung, Überwachung, Privatisierung und „Internalisierung ehe­mals öffentlicher Räume in Shopping-Malls“ (ebd.: 31) wird mit diesem Begriff ge­fasst.
Mit der Fokussierung auf zahlungskräftiges Publikum und Investor_innen seitens der Akteur_innen einer Politik der unternehmerischen Stadt geht eine Abkehr von „einer anwohner- und gebrauchswertorientierten Stadtentwicklungspolitik“ (ebd.: 26), die etwa die Förderung soziokultureller Einrichtungen beinhalten würde, einher.[43]

Die Stadtentwicklungspolitik, die in Hamburg seit 2002 unter dem Leitbild „Metro­pole Hamburg – Wachsende Stadt“ betrieben wurde, steht im Kontext dieser Neuen Urbanität und ist auf die günstige Positionierung und Behauptung der Metropole ge­genüber der internationalen Konkurrenz gerichtet. Mit diesem Leitbild wurde zudem die programmatische Grundlage dafür gelegt, vermehrt Ressourcen für ein „effizien­te[s] Standortmarketing“ (Freie und Hansestadt Hamburg 2002: 64) zur Steigerung der „internationalen Attraktivität“ (ebd.: 61) aufzuwenden. Auch die Realisierung des Prestige-Projekts Hafen City wurde in diesem Rahmen angekündigt. Bemerkenswert ist, dass die Leitung der Planung an eine eigens gegründete Hafen City Hamburg GmbH (vormals Gesellschaft für Hafen- und Standortentwicklung mbH) ausgelagert wurde. Die Beteiligung der städtischen Öffentlichkeit an der Planung war im Folgen­den „auf passives Konsumieren der Planungsvorhaben und virtuelle Simulationen zu­künftigen Stadtlebens reduziert“ (Lewitsky 2005: 42). Damit einher ging die ten­denzielle Unterordnung des Gemeinwohls unter privatwirtschaftliche Interessen.
Diese Situation stellt(e) den Hintergrund der Aktivitäten um einen selbstorganisierten Park im Stadtteil St. Pauli dar, auf die im Folgenden näher eingegangen wird.

3.2 Die Geschichte des ‘Park Fiction’[44]

„Die Stadt ist ein Gemeinwesen und keine Kuh, die es zu melken und zu verkaufen gilt.“ (Lohse/Jörg 2010)

Das Parkprojekt ‘Park Fiction’ ging aus einem Anwohner_innenbegehren für die Er­richtung eines Parks auf einer Brachfläche am Pinnasberg, an der Grenze von St. Pauli zu Altona-Altstadt, hervor. Der Initiative gelang es nach mehrjährigen Auseinandersetzungen, ein „beteiligungsorientiertes Planungsverfahren“ (AG Park Fiction 1998) durchzusetzen, dem ab 1997 in einer ersten 10-monatigen Phase eine „kollek­tive Wunschproduktion“ vorausging. Daran beteiligte sich eine Allianz unterschiedlichster Personen: Neben Künstler_innen waren dies „politisierte AnwohnerInnen, soziale Trend-GastronomInnen, deregulierte[…] LayouterInnen, Pastoren, Hausbeset­zerInnen, eine militante Köchin, hedonistische SozialarbeiterInnen, Kioskbetreibe­rInnen, GeographiestudentInnen und Musiker[…] der Pudelszene“ (ebd.).

1994 wurde von der Hamburger Bürgerschaft – gegen den Beschluss der Altonaer Bezirksversammlung – ein Bebauungsplan für das brachliegende Areal am Pinnas­berg verabschiedet. Für die Baulücke am Elbhochufer wurde damit eine geschlossene Randbebauung mit vier- bis sechsgeschossigen Wohn- und Bürogebäuden vorgese­hen. Weiterhin sollte das in städtischem Eigentum befindliche Grundstück verkauft werden, wobei auf Einnahmen in Höhe von ca. drei Mio. DM spekuliert wurde. Von diesem Plan wäre auch das Gebäude des Anfang der 1990er Jahre gegründeten Gol­den Pudel Club betroffen gewesen, das dem Neubau hätte weichen müssen. Gegen diese Pläne organisierte eine Stadtteilinitiative aus sozialen Einrichtungen, der Kir­chengemeinde[45], der einzigen Schule im Quartier, der GWA St. Pauli und Anwoh­ner_innen – zum Teil bereits organisiert im Hafenrandverein für selbstbestimmtes Leben auf St. Pauli e.V.[46] – Widerstand. Sie forderte angesichts eines Mangels an „kommerziell unbesetzte[m], öffentliche[m] Raum“ (ebd.) statt der Bebauung der Fläche den Erhalt des Golden Pudel Clubs und die Errichtung eines öffentlichen Parks. Die hohe Bandbreite der beteiligten Akteur_innen – „aus Kunst, Gemeinwe­senarbeit, Politik, Wissenschaft, Subkultur“ (Wieczorek 2006) –, die sich „für ein ge­meinsames Ziel verbündeten, ihre spezifischen Kenntnisse dort hinein investierten und sich auf einen Prozess des Voneinander-Lernens einließen, den die Filmemache­rin MARGIT CZENKI als sich gegenseitig schlauer machen beschrieben hat“ (ebd., Hervorhebung: F.M.), machte eine Besonderheit des Projekts aus.

Im Frühjahr 1995 schuf die Park-Initiative Fakten: Im Rahmen eines Raves unter dem Motto „Park Fiction auf St. Pauli – Beatbomben auf Berlin“ wurden einzelne Bereiche der brachliegenden Fläche am Pinnasberg öffentlich benannt, z.B. als Hafentreppenhundepark oder Bierdosenpark. Mit dem Motto der Feier wurde auch der Name für das Projekt aus der Taufe gehoben: ‘Park Fiction’. Im Sommer folgten wei­tere öffentlichkeitswirksame Aktionen, mit denen die Diskussion um das Parkbegeh­ren einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht wurde: ein Straßenfest mit Live-Musik, Auktionen, eine erste Wunschproduktionswerkstatt im August und eine zwei­tägige Veranstaltungs- und Vortragsreihe mit Stadtteilkonferenz im Stadtteilzen­trum Kölibri im Oktober. (vgl. Gemeinwesenarbeit St. Pauli Süd e.V. 2005[?]: 18) 1995 stießen mit Cathy Skene und Christoph Schäfer auch zwei in der Nähe wohnen­de Künstler_innen zu der Park-Initiative hinzu. Sie wurden im Herbst 1995 von der Hamburger Kunstkommission eingeladen, im Rahmen eines Projekts zu Kunst im öf­fentlichen Raum eine Arbeit zu entwickeln. Nach Rücksprache mit der Park-Initiati­ve reichten sie dort ‘Park Fiction’ als künstlerisches Projekt ein.

Anfang 1996 wurde über die Lokalpresse verbreitet, dass es durch einen von SPD­-Politikern aus Hamburger Bürgerschaft (Ingo Kleist) und Altona (Olaf Scholz) sowie dem Stadtentwicklungssenator Thomas Mirow unterbreiteten Vorschlag zu einer Ei­nigung bezüglich der Einrichtung eines Parks gekommen sei: Dieser sollte demnach auf den „Restflächen der geplanten Bebauung“ (Wieczorek 2005: 46) entstehen. Die organisierten Anwohner_innen sprachen sich jedoch vehement gegen diese Pläne aus. Von Seiten der Park-Initiative wurde im April 1996 eine einwöchige Veranstal­tungsreihe unter dem Motto Park Fiction 4 organisiert, in deren Rahmen Ausstellun­gen in den Schaufenstern von lokalen Geschäften sowie Vorträge, Theaterstücke, Performances und Filmvorführungen zu dem Themenkomplex Kunst, Stadtplanung und Politik an diversen Orten auf dem und rund um das Parkgelände stattfanden. (vgl. ebd.: 47) Auf diese Weise konnte die Bekanntheit der Initiative noch einmal ge­steigert und ein großer Rückhalt für das Projekt erreicht werden, in der Anwohner_­innenschaft und darüber hinaus. Widerspruch gegen den oben angespro­chenen Vor­schlag wurde auch auf einer zweiten Stadtteilkonferenz im Stadtteilzen­trum Kölibri mit Stadtentwicklungssenator Mirow und 150 Anwohner_innen deut­lich und viel­fach artikuliert. In der Bezirksversammlung Altona fand er Ende April ebenfalls kei­ne mehrheitliche Zustimmung.
Im Juni kam es auf behördlicher Ebene zu einem Patt: Die Kunstkommission, die der Kulturbehörde unterstellt ist, beschloss die Förderung des Ende 1995 eingereichten Projektvorschlags von Schäfer und Skene mit 125.000 DM. Da jedoch von Seiten des Senats der Entschluss, das Grundstück am Pinnasberg zu verkaufen, weiterhin aufrechterhalten wurde, wurden die Projektgelder zunächst eingefroren. Während des Sommers desselben Jahres wurde der geforderte Park durch eine Vielzahl von Veran­staltungen und durch die ganz alltägliche Nutzung des provisorischen Parks jedoch gewissermaßen vorweggenommen.
Um wieder Bewegung in die festgefahrene Situation zu bringen, lud der Hafenrand­verein zu einem Runden Tisch ein, der im folgenden Jahr installiert wurde. Regelmä­ßig tagten im Folgenden Vertreter_innen der Park-Initiative, diverser städti­scher Behörden und der Bezirke Altona und Mitte im Kölibri und der Aula der nahe­gelegenen Schule.
Im Frühjahr 1997 wurde schließlich – vor dem Hintergrund öffentlicher Proteste ge­gen Schließung und Abriss des nahegelegenen Hafenkrankenhauses und dem begin­nenden Bürgerschaftswahlkampf – von Aktivist_innen aus dem Stadtteil ein proviso­rischer Park auf der Brachfläche eingerichtet. Es wurden Blumen angepflanzt, Bänke und Spielgeräte für Kinder aufgestellt und Müll entfernt:

„Die Besetzung sollte eher eine Benutzung werden.“ (Skene 1998: 159ff., zit. nach Wieczorek 2005: 51)

Im Au­gust 1997 stimmte die Bürgerschaft der Errichtung des Parks schließlich – „überra­schend“ (ebd.: 52) – zu und bereits zwei Monate später kam es zu einer Eini­gung über den konkreten Ort, an dem der Park errichtet werden sollte, sowie zu einer Be­willigung der Planung durch die Anwohner_inneninitiative und der Freigabe der zu­nächst eingefrorenen Projektgelder.
Mit den Geldern sollte insbesondere die öffentliche Zugänglichkeit des Planungspro­zesses sichergestellt werden. Dafür wurden eine Reihe von „Werkzeugen“ entwi­ckelt. Zentrales Mittel war die Einrichtung eines Planungscontainers mit Planungsbü­ro als Informations- und Koordinationsstelle. Dieser wurde im Oktober 1997 in Be­trieb genommen. Wieczorek (2005) nennt als weitere Mittel für die Parkplanung ein „Knetbüro, Telefonhotline, Gartenbibliothek und Wunscharchiv; ein Würfelspiel zum Nachvollziehen der Parkplanung; einen Fragenkatalog für Kurzinterviews und eine Fragenbogenaktion; das Action Kit (einen mobilen Planungskoffer) für Hausbesuche in der Parkumgebung; eine PARK FICTION ‘Produktreihe’ mit dem Logo auf Base­caps, T-Shirts und Jacken; die Broschüre 100 % Park für St. Pauli-Süd; sowie eine Infotainment-Veranstaltungsreihe im KÖLIBRI mit Vorträgen, Diskussionen und Diashows zu verschiedenen Aspekten der Garten- und öffentlichen Grünflächenge­staltung, sowie Besuchen in Hamburger Parks“ (ebd.: 52, Hervorhebungen im Origi­nal). Darüber hinaus wurden „Vorträge, […] Konzerte, Raves, OpenAir-Filmvorfüh­rungen und Ausstellungen“ (Mennicke 2002) organisiert und durchgeführt, mittels derer u.a. „die sozi­alhistorische und politische Bedeutung von Gärten und Parks so­wie die Konstruktion öffentlicher Räume reflektiert wurde“ (ebd.).

Bis zum Sommer 1998 beteiligten sich über 1500 Personen „mit Wort und Schrift, Modellen oder Partizipation in Videoprojekten“ (Wieczorek 2005: 92) an der kollek­tiven Wunschproduktion für die Gestaltung des Parks. Es wurden zwei Stadtteilkon­ferenzen durchgeführt, auf denen die Ideen vorgestellt, über ihre Umsetzung disku­tiert und Entwürfe dazu verabschiedet wurden. Im Zuge der Arbeit kristallisierten sich nach Funktionen unterschiedene Zonen heraus, die den Park strukturieren soll­ten: Spiel-, Ruhe-, Hunde- und Kommunikationszonen. Hierüber wurde abge­stimmt und schlussendlich ein finaler Entwurf für den Park beschlossen. Dieser Ent­wurf wurde von einer Architektin in eine formale Entwurfsplanung inklusive Kosten­kalkulation umgesetzt und der Umweltbehörde übergeben. Damit begann ein „jahre­langes Tauziehen zwischen den beteiligten Behörden und den AnwohnerInnen“ (ebd.), an dem 1999 sieben städtische Behörden (u.a. die Stadtentwicklungs-, die Umwelt- und die Schulbehörde) und zwei Bezirksämter (Mitte und Altona) beteiligt waren. Hauptkonfliktpunkte waren dabei die Zuständigkeit bei der Finanzierung und die genaue Realisierung des Parks. (vgl. ebd.: 96)

Im Juni 1999 organisierten verschiedene Gruppen und Initiativen – u.a. der Hafen­randverein – anlässlich der Europawahl ein Straßenfest am Pinnasberg unter dem Motto participation deluxe. Dabei wurde auch der Film „Park Fiction – die Wünsche werden die Wohnung verlassen und auf die Straße gehen“ der Künstlerin Margit Czenki, die die 10-monatige Planungsphase des Parks mit der Kamera begleitet hatte, vorgeführt. (vgl. ebd.) Im Sommer und Herbst 1999 zeigte sich das Interesse der Kunstszene für das Projekt: Im Wiener Kunstverein fand eine Ausstellung von Er­gebnissen der kollektiven Wunschproduktion statt und auch in Zürich wurden Expo­nate aus dem Kontext der Park-Initiative zur Diskussion gestellt. Für eine Ausstel­lung im Herbst 2000 in Berlin wurde ebenfalls ein Beitrag der AG Park Fiction ge­staltet, der Anfang 2001 auch in St. Pauli präsentiert wurde.

Im November 2000 begannen schließlich die Bauarbeiten zur Umsetzung des 1997 beschlossenen Plans für die Gestaltung der umstrittenen Freifläche am Pinnasberg. Zuvor war es gelungen, Einwände des Gartenbauamts – u.a. die mangelnde Sitzra­senmähertauglichkeit der geplanten Parkanlage – zu entkräften: Die zukünfti­gen An­wohner_innen im angrenzenden Wohnprojekt Parkhaus erklärten sich zur Pflege der Rasenflächen – mit einem Handrasenmäher – bereit. (vgl. ebd.: 97)

Im folgenden Jahr führte die Auseinandersetzung um den geplanten Park (für den mittlerweile der offizielle Name Antoni-Park eingeführt wurde) auch auf parteipoliti­scher Ebene zu Konflikten: Während die GAL-Fraktion in der Bezirksversammlung Altona einen baldigen Baubeginn des Parks nach den von der AG Park Fiction entwi­ckelten Plänen forderte, kritisierten SPD-Politiker aus Hamburg-Mitte und Altona, „Defizite in der Bürgerbeteiligung“ (Hamburger Morgenpost 2001) und verschiedene Elemente der konkreten Planung, die zu Ordnungs- und Sicherheitsproblemen führen würden. Sie forderten Anhörungsverfahren in den Grünausschüssen Mitte und Altona um so für eine Beteiligung der Bürger_innen zu sorgen. (vgl. ebd.) Auf den im März und April 2001 stattfindenden Anhörungen wurden u.a. Lärmschutzauflagen (nur fünf Abendveranstaltungen pro Jahr und keine Installation einer Filmleinwand) be­schlossen, der Gesamtentwurf jedoch gebilligt.[47] Im September 2001 – die Park Fic­tion-Gruppe war zwischenzeitlich auf „wenige Leute geschrumpft“ (Wieczorek 2005: 101) – verabschiedete der Hamburger Senat schließlich einen Bebauungsplan, der die rechtliche Absicherung des Parks bedeutete.

Im Jahr 2002 begannen die Bauarbeiten am Park. Parallel dazu wurde das Projekt ‘Park Fiction’ eingeladen, sich auf der Kunstausstellung documenta 11 in Kassel zu präsentieren. Wieczorek (2005) wertet die Aufmerksamkeit, die Park Fiction auf die­se Weise im Kunstfeld erhielt, als ein wichtiges taktisches Instrument in den langwie­rigen Auseinandersetzungen mit den Behörden. (vgl. ebd.: 102f.)

Im Sommer 2003 wurde auf St. Pauli ein internationaler Kongress unter dem Titel „Unlikely Encounters in Urban Space“ („Unwahrscheinliche Begegnungen im urba­nen Raum“) durchgeführt, mit dem eine Vernetzung und Weiterentwicklung von Projekten gefördert werden sollte, die – ähnlich wie Park Fiction – „die Vorstellung von künstlerischen Eingriffs- und Handlungsmöglichkeiten im städtischen Raum erwei­tern“ und die dabei „mit außerkünstlerischen Feldern [kooperieren]“ (Unlikely En­counters in Urban Space 2003). In diesem Rahmen wurde auch die für die Documen­ta errichtete Installation zu ‘Park Fiction’ in St. Pauli zugänglich gemacht.
Im September 2003 konnte der erste Teil des Parks auf dem Dach der Turnhalle (de­ren Bau im April des Vorjahres beendet worden war) eingeweiht werden. Zu diesem Anlass wurde von Seiten der Stadt ein Handrasenmäher zur Pflege der Rasenflächen an die Bewohner_innen des ebenfalls im Herbst 2003 fertiggestellten genossen­schaftlichen Wohnprojekts Parkhaus übergeben. (vgl. Wieczorek 2005: 140)

Im Jahr 2004 waren u.a. der Bouleplatz, ein Hundegarten, ein Volleyballfeld und der Schauermannspark getaufte Teil des Parks belebt und in Betrieb. Auch die Anwoh­ner_innengärten im Kirchgarten wurden zum ersten Mal bebaut und beerntet. Im Au­gust 2005 problematisierten die Park Fiction-Aktivist_innen in einer Pressemittei­lung jedoch die Nutzung von Teilen des Parks als „erweiterter Gastraum“ (Park Fic-tion 2005) angrenzender Gastronomien im Kontext einer allgemeinen „Latte Macchi-atisierung des öffentlichen Raums“ (ebd.) und eine starke Polizeipräsenz. Weiterhin wurde die vom Bauausschuss Hamburg Mitte betriebene Blockade des bereits beschlossenen Baus diverser Elemente des Park-Ent­wurfs, wie etwa des Park Fiction Archivs für unabhängigen Urbanismus und des SeeräuberInnenbrunnens kritisiert. Insbe­sondere der nicht ausgeführte Bau des Park-Archivs führe dazu, dass „die Geschichte des Projekts […] unsichtbar gemacht und das in einem langen Prozess erarbeitete, in Stadtteilversammlungen vorgestellte, diskutierte und abgestimmte Gesamtkonzept des Parks […] damit über den Haufen geworfen, der demokratische Planungsprozess, weltweit als modellhaft diskutiert, in Frage gestellt und zerstört“ (ebd.) würde.
Diese und andere Elemente sind bis heute nicht realisiert worden und von der Ge­schichte des Parks erzählen gegenwärtig (Mai 2013) nur einige nicht besonders au­genfällige Mosaikfliesen an der Mauer zum Kirchgarten.

3.3 Exkurs: Die Auseinandersetzung um Park Fiction aus raumtheoretischer Perspektive nach Henri Lefebvre

„PARK FICTION steht für die andauernde Geschichte der praktischen Stadtkritik, für die Rückeroberung des Stadtraums durch seine BewohnerInnen, für die Einforde­rung des subjektiven Begehrens und für seine Verwirklichung im öffentlichen Raum.“ (Wieczorek 2006)

Die an der Planung des ‘Park Fiction’ beteiligten Künstler_innen bezogen sich u.a. auf die theoretischen Arbeiten des marxistischen Soziologen Henri Lefebvre (1901-1999) der als ein Vorreiter der kritischen Stadtforschung gilt. Lefebvre entwickelte zum Einen eine Theorie der tauschwert- und profitorientierten kapitalistischen Stadt­entwicklungspolitk und ihrer negativen sozialen Implikationen und zum Anderen An­sätze einer op­positionellen gebrauchswertorientierten Stadtentwicklung von unten.[48]

Er analysiert Raum als gesellschaftliches Produkt, als etwas, das durch die Produkti­onsverhältnisse und die darin eingebundenen Subjekte hergestellt wird. Lefebvre be­trachtet Ge­sellschaft als im Raum existierend, von ihm auf unterschiedliche Weise geformt und in einem produktiven Verhältnis zu ihm stehend, ihn wiederum formend. In diesem Verständnis von Raum als von der Gesellschaft produziert, werden neben der affir­mativen Reproduktion der gesellschaftlichen Verhältnisse auch Möglichkei­ten des Widerstands, der Veränderung denkbar. (vgl. An Architektur 2002: 3)

Nach Lefebvre spielt der städtische Raum nach dem Übergang von der industriellen zur urbanen Phase des Kapitalismus eine zunehmende Bedeutung für dessen Fortbe­stand. (vgl. Lewitsky 2005: 54) Ausgehend von der Unterscheidung zwischen Gebrauchswert und Tauschwert konstatiert Lefebvre bezogen auf den (städtischen) Raum einen verschärften und heftigen Konflikt „zwischen einem Raum, der nur noch in dem Maße Gebrauchswert hat, wie ihn der Tauschwert nicht völlig zerstören konn­te oder zum Verschwinden bringt“ (Lefebvre 1977). Der Tauschwert erhalte in die­sem Konflikt gegenüber dem Gebrauchswert zunehmende Bedeutung, dominiere und beeinträchtige so die räumliche Praxis der Bewohner_innen:

„Soweit städtische Räume dem Tauschwert unterworfen werden, wird ihr konkreter Gebrauch erschwert.“ (Lefebvre 1977)

Lefebvre untersucht die historische Entwicklung der Produktion von Raum und dif­ferenziert verschiedene Arten von Raum, die mit der jeweils dominanten Produkti­onsweise korrelieren.
Die in kapitalistisch verfassten Gesellschaften dominante Form des Raums bezeich­net er als abstrakten Raum. Dieser ist Objekt bürokratischer Herrschaft und des Tau­sches – eine Ware – und wird, entsprechend der Kapitallogik, bestimmt durch eine Gleichzeitigkeit von Homogenisierung und Fragmentierung (vgl. An Architektur 2002: 9ff.):

„Dieser Raum ist homogen, weil darin alles äquivalent, weil darin alles aus­tauschbar und auswechselbar ist; weil es ein Raum ist, der dem Verkauf unter­liegt und weil es nur einen Verkauf von Äquivalenten, von Austauschbarem gibt. Dieser Raum ist aber ebenso zersplittert, weil er durch Grundstücke oder Parzellen gebildet wird. Und er wird Grundstück für Grundstück oder Parzel­le für Parzelle verkauft, er wird also fortwährend zersplittert und fragmentiert, mehr noch: pulverisiert.“ (Lefebvre 1977: 55 bzw. An Architektur 2002: 14)

Der Charakter des abstrakten Raums und die daraus folgende Entfremdung seiner Nutzer_innen führt nach Lefebvre zu Passivität und Schweigen:

„Dieser Raum ist so organisiert, dass die Benutzer zu Passivität und Schwei­gen verurteilt sind, wenn sie nicht revoltieren. Diese Revolte aber kann von der Entwicklung alternativer Projekte, der Entwicklung alternativer Räume und zum Teil gewaltsamer Widerstandsaktionen bis hin zu einer massiven Ge­genbewegung führen, die die Gesamtheit der austauschbaren, spektaku­lären kapitalistischen Räume in Frage stellt, jene Räume nämlich, die die Alltäg­lichkeit, die Zentralisierung der Macht und die räumliche Hierar­chisierung mit ihren tiefgreifenden Widersprüchen implizieren.“ (Lefebvre 1977: 56 bzw. An Architektur 2002: 16)

Den komplexen Charakter des Raumes konzeptionalisiert Lefebvre auf drei Ebenen: Räumliche Praxis (oder erfahrener Raum), Repräsentation des Raumes (oder erdach­ter Raum) und Räume der Repräsentation (oder gelebter Raum). (vgl. Lefebvre 1991: 38ff.)

„Räumliche Praxis ist erfahrener Raum (perceived space) und gekennzeich­net durch alle Widersprüchlichkeiten des alltäglichen Lebens. [Sie] basiert auf einer nicht-reflexiven alltäglichen Praxis, die gesellschaftliche Verhältnisse als gegeben hinnimmt. […]
Die Repräsentation des Raumes ist erdachter Raum (conceived space). Dieser Aspekt des Raumes […] ist der Raum der Wissenschaften, Theorien, Planun­gen und vorherrschenden Diskurse über Raum […] [Die Repräsentation des Raumes] steht in enger Verbindung mit vorherrschenden Produktionsweisen und naturalisiert ihre jeweiligen Ordnungen. […]
Räume der Repräsentation […] sind Räume des Ausdrucks, gelebter Raum (lived space) nicht erdachter Raum. Ihre Bedeutungen werden durch den Ge­brauch hergestellt. Es ist dieser Aspekt des Raumes, der vorherrschende Ord­nungen und Diskurse unterlaufen und dadurch andere Räume imaginieren kann. Räume der Repräsentation sind die Räume möglichen Widerstands und möglicher Kämpfe der Aneignung […].“ (An Architektur 2002: 17, Hervorhe­bungen: F.M.)

In seiner Analyse des städtischen Raums unterscheidet Lefebvre wiederum drei Ebe­nen: Die globale Ebene G, die gemischte Ebene M und die private Ebene P, die von den Park-Aktivist_innen aufgegriffen wurde, wie am Titel des Aufsatzes der AG Park Fiction „Aufruhr auf Ebene p“ (1998) deutlich wird.
Die globale Ebene G ist nach Lefebvre der Ort abstrakter politischer und kapitalisti­scher Beziehungen, Ort des Staates und seiner Gewalten. Die gemischte mittlere Ebene M identifiziert Lefebvre mit der „’Stadt’ in des Wortes gängiger Bedeutung“ (Lefebvre 2003: 107, zit. nach Wieczorek 2005: 22), d.h. mit Straßen, Plätzen und
öf­fentlichen Gebäuden.

„Wenn das Globale das Lokale beherrschen will, wenn das Allgemeine glaubt, das Besondere absorbieren zu dürfen, dann kann die mittlere Ebene (die gemischte: M) eingeschaltet werden: als Gelände für Verteidigung und Angriff, für den Kampf.“ (Lefebvre 1990: 96)

Die Ebene P benennt die städtische Wohnbebauung, den privaten Wohnraum, der nach Lefebvre Ausgangspunkt einer urbanen Revolution sein könne:

„Die einzige Möglichkeit mithilfe des Einbringens (oder Wiedereinbringens) eines gewissen Pluralismus auf das Funktionieren des zentralisierten Staates einzuwirken, liegt in der Herausforderung der zentralisierten Macht durch ‘lo­kale Mächte’, in der Fähigkeit kommunaler oder regionaler Kräfte zu Hand­lungen, die in direktem Zusammenhang mit den jeweiligen Gebieten stehen. So ein Widerstand oder solche Gegen-Aktion tendieren zwangsläufig dazu unabhängige territoriale Einheiten zu stärken und zu schaffen, Einheiten, die sich bis zu einem gewissen Grad selbst verwalten können.“ (Lefebvre 1991: 381f., Übersetzung zit. nach An Architektur 2002: 21)

Gesellschaftliche Veränderung ist nach Lefebvre nur möglich, wenn sie auch mit der Produktion eines veränderten Raumes einhergeht. Die Möglichkeit der Produktion al­ternativer Räume oder differentiellen Raums (vgl. Lefebvre 1991: 52) ergibt sich nach Lefebvre aus der Widersprüchlichkeit der kapitalistischen Raumordnung und den daraus resultierenden Konflikten. (vgl. ebd.: 352ff.) Differentieller Raum zeich­net sich – im Gegensatz zum abstrakten Raum – durch ein Primat des Ge­brauchs über den Tausch, durch ein Primat der Qualität über Quantität aus. (vgl. Lefebvre 1991: 381f.) Lefebvre misst in Bezug auf Anstöße für gesellschaftliche Veränderun­gen der Ebene des alltäglichen Lebens, d.h. gelebten Räumen wie dem Wohnraum, eine hohe Bedeutung bei.
Am Wohnraum setzte auch die kollektive Wunschproduktion für den Park Fiction an. Dabei wurde davon ausgegangen, dass dort, im „Unbewusste[n] der existierenden Stadt“ (AG Park Fiction, 1998), die Wünsche der Menschen in Objekten „verkap-selt“ (ebd.) vorzufinden seien. Diese Wünsche im Gespräch mit den Anwoh­ner_in­nen ins Bewusstsein zu holen und für die Gestaltung des Park Fiction nutzbar zu machen, war eines der zentralen Ziele der Hausbesuche und aktivierenden Befra­gungen, die der Entwicklung des Parkent­wurfs vorangingen.

3.4 Die Rolle der GWA St. Pauli bei Planung, Errichtung und Pflege von ‘Park Fiction’

Wie oben beschrieben, wurde die Initiative für den ‘Park Fiction’ über zehn Jahre lang sowohl von engagierten Einzelpersonen als auch von verschiedenen im Stadtteil akti­ven Institutionen, wie der Schule/Schulsozialarbeit, der Kirche und der GWA St. Pauli zusammen getragen. Von diversen beteiligten Akteur_innen wurde immer wieder be­tont, dass die Initiative nur durch ihre breite Verankerung im Stadtteil letztlich erfolg­reich sein konnte. Im Folgenden werde ich mein Augenmerk speziell auf die Rolle der GWA St.Pauli bei der Planung, Errichtung und Pflege des ‘Park Fiction’ richten.

In der Anfangsphase war sie insbesondere über die damalige Geschäftsführerin und im Arbeitsbereich Stadtteilarbeit tätige Sabine Stoevesand personell an die Initiative angebunden. Über ihr Engagement wurden Arbeitsansätze und Methoden der Gemeinwesenarbeit, wie z.B. aus dem Community Organizing – Interessenserkundun­gen durch aktivie­rende Befragungen, Organisation von Bürger_innenversammlungen –, in die Arbeit der Park-Initiative, insbesondere während der Planungsphase einbe­zogen. (vgl. Wiec­zorek 2005: 57) Da die GWA St. Pauli bereits seit mehreren Jahr­zehnten im Stadtteil tätig war, war sie in der Anwohner_innenschaft bekannt und an­erkannt. An ihre viel­seitigen Kontakte konnte im Rahmen der Parkplanung ange­knüpft werden. Weiterhin stellte die GWA St. Pauli im Rahmen der ‘Park Fiction’-In­itiative verschie­dene Ressourcen zur Verfügung. Dazu zählten infrastrukturelle Res­sourcen wie das Stadtteilzentrum Kölibri, das für Stadtteilversammlungen oder Ar­beitsgruppentreffen genutzt werden konnte. Darüber hinaus wurden personelle und zeitliche Ressourcen in den mehrjährigen Prozess eingebracht. Weiterhin wurden Aufgaben wie Moderati­on und Diskussionsleitung bei Planungstreffen, das Erstellen von Proto­kollen sowie das Erstellen und Vervielfältigen von Materialien zur Informa­tion der Öffentlichkeit im Stadtteil, von Mitarbeiter_innen der GWA übernommen. Auch die Akquise von fi­nanziellen Mitteln für die Durchführung einzelner Schritte der Park­planung, z.B. über Projektanträge, gehörte zu dem Beitrag der GWA St. Pau­li und somit zum Pro­jekt ‘Park Fiction’.[49] Im Zuge der Aktivitäten wurden, ausgehend von dem Planungscontainer auf dem Ge­lände des späteren Park Fiction, auch hand­werkliche Projekte durchgeführt, so z.B. der Bau einer Rundbank auf dem Parkge­lände von einer Praktikantin der GWA mit Schreinererfahrung, gemeinsam mit einer Mädchengruppe. Im Zuge dieser und ande­rer Aktivitäten im Außenraum wurden vie­le informelle Bildungsprozesse an­gestoßen.

Axel Wiest, der als Schulsozialarbeiter an der ‘Park Fiction’-Initiative beteiligt war, weist darauf hin, dass das ursprünglich verfolgte Konzept der Initiative über die Er­richtung eines Parks hinausging und weitergehende (gemeinwesen-)ökonomische Konzepte beinhaltete. So war ursprünglich beabsichtigt – auch für die Identität des Parks – eine Betreuung für den Park einzurichten, z.B. über das Schaffen von ABM-Stellen und/oder in Kooperation mit direkten Anwohner_innen, die die Aufgabe hät­ten haben sollen, mit den Nutzer_innen des Parks im Kontakt zu sein und darauf zu achten, „dass alles funktioniert“. Im Laufe der Auseinandersetzung und insbesondere nach der Realisierung des Parks sei dieser weitergehende Anspruch jedoch u.a. auf­grund fehlenden Drucks seitens der Park-Initiative abhanden gekommen bzw. aufge­geben worden.[50]

In den Folgejahren verlagerten sich die Aktivitäten des Arbeitsbereichs Stadtteilarbeit der GWA St.Pauli verstärkt auf die Auseinandersetzung mit der Gentrifizierung St. Paulis in diversen Initiativen und Netzwerken. (vgl. oben) Die für das Projekt ‘Park Fiction’ aufgebrachten Kapazitäten verringerten sich vor diesem Hintergrund. Axel Wiest weist darauf hin, dass zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine neue Generation ein­steigen könnte, um das Projekt ‘Park Fiction’ baulich zu beenden und konzeptionell weiterzuentwickeln.[51]

3.5 ‘Park Fiction’ als urbanes Commons

„Der Park ist ein utopischer Ort, sein Vorbild ist das Paradies … Der Park ver­spricht, was die Welt sein könnte.“ (Czenki, 1999)

Nach Exner und Kratzwald (2012) taugt das Konzept der Commons immer dann als Instrument der Analyse, wenn Menschen „ihre Teilhaberechte ein[fordern]“ (Exner/ Kratzwald 2012: 25), wenn sie „Angelegenheiten, die für ihr unmittelbares Lebens­umfeld von Bedeutung sind, selbst in die Hand nehmen [wollen]“ (ebd.). Mei­ne These ist, dass sich ‘Park Fiction’ als Commons beschreiben lässt, da das Projekt als selbstver­walteter Park – „von denen geplant, die ihn nutzen, brauchen, wollen“ (AG Park Fic­tion 1998) – konzipiert wurde. Im Folgenden werde ich dies zunächst be­gründen und anschließend auf die Schwierigkeiten, die sich im Verlauf der Umset­zung und im An­schluss daran ergaben und ergeben, eingehen.

Wie oben ausgeführt, sind Commons nicht einfach, sondern beinhalten drei Elemen­te: Erstens bedarf es einer wie auch immer gearteten, nicht kommodifizierten (com­mon pool-)Ressource, zweitens einer Gruppe von Menschen, den Commoners, und drit­tens dem sozialen Prozess des Kümmerns (dem Commoning), also der Nutzung, Ge­staltung und Pflege nach von ihnen selbst bestimmten Regeln. Es hängt nicht von „der Art der Ressource ab, ob sie ein Commons ist oder nicht“ (Exner/Kratzwald 2012: 25), sondern von der „Art und Weise, wie damit umgegangen wird“ (ebd.). Ein zentrales Kriterium dabei ist, dass die in ein Commons-Projekt involvierten Men­schen nicht über marktförmige Tauschbeziehungen, sondern in reziproken Beziehun­gen miteinander interagieren. (vgl. ebd.) Ausgehend von diesem Verständ­nis eines Commons werde ich im Folgenden das Projekt ‘Park Fiction’ einer näheren Betrach­tung unterziehen.

Wenden wir uns dem ersten genannten Kriterium zu: Commons beinhalten eine nicht kommodifizierte Ressource.
Die für die Errichtung des Parks maßgebliche Ressource stellte zunächst die brach­liegende Fläche am Pinnasberg dar. Gegen ihre Bebauung und Vermarktung richtete sich denn auch die Initiative in einem ersten Schritt. Ausgangspunkt für diese Forde­rung war u.a. der Befund eines Mangels an „kommerziell unbesetzte[m], öffent-liche[m] Raum“ (AG Park Fiction 1998) in St.Pauli. Unter Bezugnahme auf Lefebvres Konzept der Verstädterung als „Prozess der Aneignung“ bestimmt die AG Park Fiction (1998) eine „angeeignete Fläche“ als „im Gegensatz [stehend]
1. zu dem ‘neutralen’, öffentlich d.h. anonym gestalteten Staatsraum ebenso, wie
2. zu dem privatisierten Raum, der sich als öffentlicher Raum ausgibt, aber über die sich aus dem Privateigentum ergebenden Ausschlüsse funktioniert, über rassistisch oder ökonomisch motivierte Ausgrenzung von Personen, Beschränkungen von Handlungsmöglichkeiten, bzw. Motivation bestimmter Handlungen wie einkaufen, sitzen, nicht liegen, essen, nicht betteln, nicht skaten…“ (AG Park Fiction, 1998). Der Ver­kauf der Fläche an eine_n Investor_in und damit der Übergang in privates Eigentum konnte durch die diversen Aktivitäten der Park-Aktivist_innen letztlich verhindert und so die materielle Voraussetzung zur kollektiven Gestaltung eines Parks geschaf­fen werden.
Weiterhin benötigen Commons eine Gruppe von Menschen, die sie schaffen und die sich um sie kümmern. Die Anwohner_inneninitiative, die sich, ausgehend vom Ha­fenrandverein, mit dem Ziel konstituierte, die Bebauung zu verhindern, den freien Blick auf die Elbe für alle zu erhalten und einen selbstverwalteten Park einzurichten, lässt sich als Gruppe von Commoners beschreiben. Im Zuge der Auseinandersetzung mit den Repräsentant_innen des politischen Systems und der städtischen Verwaltung organisierte sie etwa bereits im Vorgriff auf das angestrebte Ziel die Herrichtung des Areals zum Park und seine Nutzung durch eine direkte Aktion bzw. eine Flächen(in­stand)besetzung.
Der Prozess der Planung des Parks und seiner Gestaltung, in den eine Vielzahl von weiteren Personen involviert war und der sich auf verschiedenen Ebenen und inner­halb verschiedener Formen – etwa in Haustürgesprächen, Stadtteilkonferenzen und Diskussionsveranstaltungen – abspielte, lässt sich als Commoning, als Prozess der Aushandlung beschreiben. Auch nach Abschluss des Planungsprozesses und der Er­richtung des Parks kümmer(te)n sich Anwohner_innen um die Pflege und den Erhalt des Parks, wenngleich die Zahl der Park-Aktiven zurückging. Sie sind derzeit im Park Fiction Komitee organisiert, von dem regelmäßig Pflanz-, Putz- und Aufräu­m-aktionen ausgehen. Diese Assoziation war auch an einer kleineren baulichen Um­gestaltung der Parkeinrichtung beteiligt, bei der Sitzflächen gegen Hochbeete ausge­tauscht wurden. Die Pflege der Rasenflächen auf dem Fliegenden Teppich wird über das an den Park angrenzende genossenschaftliche Wohnprojekt Parkhaus organisiert. Die GWA St. Pauli kümmert sich um die Vergabe der Mieter_innenbeete im Gemein­schaftsgarten im Kirchgarten, der im Zuge der Schaffung von Park Fiction eingerich­tet wurde.

Probleme in der Gestaltung von ‘Park Fiction’ als Commons
Sowohl im Prozess der Durchsetzung des Park-Projekts als auch während und nach seiner Realisierung lassen sich eine Reihe von Problemen feststellen, mit denen die Park Fiction-Aktivist_innen konfrontiert waren und sind. Diese Probleme können mit Hilfe der von Ostrom formulierten Bauprinzipien langlebiger Commons für das Ge­lingen von Commons (vgl. Abschnitt 3.3.2) näher bestimmt werden.

Als ein Kriterium nennt Ostrom die Existenz von klaren und lokal akzeptierten Grenzen zwischen legitimen Nutzer_innen und Nichtnutzungsberechtigten. In Bezug auf Park Fiction ist es nicht möglich eine solche Abgrenzung vorzunehmen. Der Park ist, u.a. aufgrund seiner Lage, eine der meistgenutzten Flächen der Stadt und seine Nutzung steht allen offen. Ein weiteres von Ostrom formuliertes Prinzip stellt die Existenz von Arrangements für gemeinschaftliche Entscheidungen dar, innerhalb de­rer die meisten betroffenen Personen über die Nutzungsregeln und Änderungen die­ser Regeln mitbestimmen können. Damit im Zusammenhang steht die Kongruenz zwischen Aneignungs- und Bereitstellungsregeln und lokalen Bedingungen.
Auf dieser Folie lässt sich die Auseinandersetzung um die mehrheitlich als problema­tisch bewertete Nutzung des Parks durch Skater_innen in den Jahren 2005 und 2006 analysieren: Im Jahr 2005 kam es zu einer starken Präsenz von Skater_innen (in Spit­zenzeiten bis zu 50 Personen gleichzeitig), die nach Darstellung des Park Fiction-Ko­mittees rück­sichtslos auftraten und die Nutzung des Parks durch andere behinder­ten. Als die Si­tuation zu eskalieren drohte – „Die Stimmung wurde immer aggressi­ver, kochte hoch: bürgerliche Zeitgenossen riefen dauernd die Polizei, grobere Natu­ren begannen damit, einzelne Skater vom Brett zu hauen.“ (Park Fiction 2006) – wurde ein Ge­spräch zwischen Skateboarder_innen, betroffenen Anwohner_innen, Architekt_innen, Behördenvertreter_innen und Park Fiction Komitee veranlasst, bei dem der Kompro­miss ausgehandelt wurde, dass das Skaten auf die Zeit von 15 bis 18 Uhr beschränkt werden sollte. Dieser Kompromiss wurde im Folgenden auf Flyern in einschlägigen Läden bekannt gemacht. Es gelang jedoch nicht, breitere Akzeptanz für diese Rege­lung zu schaffen, so dass letztlich mit dem Austausch der mit Skate­boards befahrba­ren Bänke durch Plastiksitze reagiert wurde. In der Antwort auf einen Brief, in dem dieser Austausch beklagt wurde, formulierten Vertreter_innen von ‘Park Fiction’ in Bezug auf die geschilderte Situation:

„Das nervige daran: es wurde gar nicht gekuckt, wo man eigentlich ist: An ei­nem Ort der sehr lebendig ist, der gegen die staatlichen Autoritäten durch­ge­setzt wurde, der viel genutzt wird, und der nur funktionieren kann, wenn man sich gegenseitig respektiert […].“ (Park Fiction 2006)

Als dem zugrundeliegendes Problem lässt sich abgesehen von einem Mangel an ge­genseitigem Respekt, die Abwesenheit von Arrangements für gemeinschaftliche Ent­scheidungen, in denen (potentiell) alle Nutzer_innen des Parks über bestimmte Nut­zungsregeln entscheiden können, bewerten. Der zur Lösung des Problems ein­berufe­ne Kreis an Vertreter_innen verschiedener Gruppen und Institutionen war nicht dazu in der Lage, den zwischen den dort Anwesenden vereinbarten Kompromiss durch­zu­setzen. Dies dürfte zum Einen damit zusammenhängen, dass in dem Rahmen nicht die meisten der betroffenen Personen mitbestimmen konnten und zum Anderen da­mit, dass der Kreis nur für die Lösung des konkreten Problems einberufen und nicht als reguläre und dauerhaft für diesen Zweck existierende lokale Einrichtung, die u.a. zum Schlichten von Konflikten zwischen Nutzer_innen des Parks (vgl. Bau­prinzip 6) dient, eingerichtet wurde bzw. existierte. Da in Ermangelung eines Arran­gements für gemeinschaftliche Entscheidungen auch keine von allen Nutzer_innen akzeptierten Regeln existierten, war es auch nicht möglich, aus dem Kreis der Commoner des Park Fiction Nutzer_innen glaubhaft mit abgestuften Sanktionen zu belegen, wie es Ostrom als fünftes Bauprinzip formuliert, so dass letztlich die Polizei als Repräsen­tant der Obrigkeit die einzige durchsetzungsfähige Instanz blieb.

In der ursprünglichen Konzeption des Parks war die Einrichtung einer bezahlten halb­en Stelle für eine Person, die im Park von Frühling bis Herbst als „Pädagoge und Gärtner […] ‘mit Hand und Herz’“[52] im, um und für den Park tätig sein sollte, vorge­sehen. Diese sollte „sowohl Angebote für Kinder und Erwachsene im Park organi­sier[en], als auch – das ist dann ja auch eine Form von Streetwork quasi – so ein biss­chen Basteln und ein Auge auf die Sachen [halten]“[53]. Aufgrund mangelnder finanzi­eller Mittel wurde die Installation dieser Stelle nie realisiert. In ihr hätte eine Mög­lichkeit gelegen, das vierte von Ostrom genannte Bauprinzip zu erfüllen, das in der Überwachung des Zustands der Allmenderessourcen und des Verhaltens der Aneig­ner_innen (bzw. Nutzer_innen) durch Personen, die selber Nutzer_innen oder den Nutzer_innen gegenüber rechenschaftspflichtig sind, besteht. Dass auch kein ver­gleichbares Arrangement eingerichtet wurde, führte dazu, dass es keine von staatli­chen Instanzen unabhängige Form der Aneignung mit dazugehörigen autonomen Formen der Konfliktregelung etc. gab und gibt. Sabine Stoevesand beschreibt die daraus resultierende Entwicklung wie folgt:

„So ist es ein bisschen naturwüchsig oder es ist eine Sache von Polizei. Es bleibt sich halt so überlassen.“[54]

Es lässt sich die Tendenz feststellen, dass sich das Projekt ‘Park Fiction’, welches ur­sprünglich als Commons konzipiert und im Prozess seiner Entwicklung und Durch­setzung auch als solches realisiert wurde, zu einem Open-Access-Gut ent­wickelt und sich zusehends einem herkömmlichen öffentlichen Park annähert.
Damit im Zusammenhang steht das Kriterium der Anerkennung des Rechts der Nut­zer_innen auf die eigene Organisation – und in Verbindung damit die Entwicklung eigener Institutionen und Regelndurch die staatlichen Behörden. Von Seiten der Initiator_innen des Parks sind eigene Organisationen, wie etwa das Park Fiction Ko­mitee, geschaffen worden. Diese verfügen jedoch nur über begrenzte Einfluss­möglichkeiten u.a. bezüglich der Gestaltung des Parks. Ihr Einfluss ist etwa dadurch be­grenzt, dass die im städtischen bzw. bezirklichen Haushalt allgemein für Grünanla­gen und öffentliche Parks zur Verfügung stehenden Mittel von städtischen Behörden verausgabt werden und jenseits der partizipativen Gestaltung des Parks keine weiter­gehenden Regelungen einer direkten demokratischen Kontrolle der Investitionen und Ausgaben für den Park getroffen wurden. Hinzu kam, dass sich verschiedene über Jahre beteiligte Akteur_innen aus dem Gestaltungsprozess zurückgezogen haben, so dass 2005 nur noch einzelne Personen aktiv daran beteiligt waren. (vgl. Wieczorek 2005: 148)
Ein Problem, das sich im Verhältnis von Commons und staatlichen Organen immer wieder präsentiert, ist das der „Auslagerung von Staatsaufgaben an die Commoners“ (Exner/Kratzwald 2012: 33). Dieses Spannungsverhältnis zwischen dem Engagieren und Selbermachen einerseits und dem Kürzen von öffentlichen Mitteln für bspw. die Gestaltung von Parks andererseits zeigt sich auch beim ‘Park Fiction’. Sabine Stoeve­sand drückt es wie folgt aus:

„Es ist immer ein Spannungsverhältnis, wenn es jetzt ein öffentlicher Raum ist, zwischen dem, dass sich Leute engagieren – was ich gut und richtig finde – und der Zumutung seitens der Stadt: ‘Das könnt ihr jetzt mal alles selbst ma­chen…’, was ihnen bei anderen prestigeträchtigen Parks jetzt auch nicht so ein­gefallen wäre. Der gesamte Bereich wird ja gekürzt im städtischen Haushalt. Es gibt immer so ein Spannungsverhältnis zu sagen: ‘Hier, das ist auch Aufga­be auch über Steuergelder zu finanzieren, dass Parks gepflegt werden’, und gleichzeitig finde ich es aber richtig zu sagen: ‘Das ist unser Park und wir ma­chen auch was dafür’.“[55]

In diesem Kontext ist auch das Fehlen zentraler gestalterischer Elemente des Parks (wie etwa des Park Archivs), aus denen seine besondere Geschichte und sein spezifi­scher Charakter auch für Außenstehende und Besucher_innen hervorgehen könnte, zu betonen. Derzeit unterscheidet den Park, abgesehen von den oben erwähnten Mo­saikfliesen, nicht viel von einem beliebigen anderen (anonymen) öffentlichen Raum. Wenn es darum gehen sollte, die Geschichte des Parks und den darin zum Ausdruck kommenden Anspruch auf eine demokratische und partizipative Stadtentwicklung und -gestaltung von unten, stärker (bzw. überhaupt) zum Ausdruck zu bringen, er­scheint es sinnvoll, die bisher unvollendeten Elemente des Parks, wie z.B. das Ar­chiv, in einem nächsten Schritt in den Park zu integrieren. Darauf weist auch Wieczorek (2005) hin:

„[E]s muss einen Ort geben, an dem Park Fiction seine eigene Geschichte schreibt und zugänglich macht und der die Anknüpfung an das Geschehene als Voraussetzung der Fortsetzbarkeit der in Park Fiction entwickelten Ansät­ze und Methoden ermöglicht.“ (Wieczorek 2005: 138)

Wieczorek (2005) betont darüber hinaus, dass weiter an Formen der Organisierung gearbeitet werden müsse. Sie regt an, dass die GWA St. Pauli „ihre institutionellen Ressourcen und Erfahrungen in die Fortsetzung von ‘Park Fiction’ einbringen und sich damit […] über eine engagierte Re-Politisierung der eigenen professionellen Ar­beit neu definieren [könnte]“ (ebd.: 148).
Auf die Bedeutung von Institutionen bzw. der Institutionalisierung von Nutzer_in­nenorganisationen für die dauerhafte Erhaltung von Commons insgesamt werde ich in Abschnitt 4.3.1 näher eingehen.

Ambivalenzen und Widersprüche zwischen Selbstorganisation und Standort­marketing
Dass und in welchem Ausmaß mit Commons-Projekten innerhalb der kapitalistischen Ökonomie und unter dem Leitbild der unternehmerischen Stadt auch darüber hinaus eine starke Ambivalenz einhergeht, wird am Beispiel Beispiel ‘Park Fiction’ im Kon­text der Gentrifizierung und Aufwertung St. Paulis deutlich, wenn er in Broschüren der Hamburg Marketing GmbH zur Bewerbung und Vermarktung der Stadt als Beleg für ihre Kreativität angeführt wird.

„Es ist immer dieses Doppelte: St.Pauli war, als wir angefangen haben, einer der ärmsten Stadtteile Hamburgs, und da war das eine selbstbewusste Geste von Aneignung von unten zu sagen: ‘Wir wollen hier was haben’. Jetzt funk­tioniert es in dem Aufwertungskontext natürlich anders […].“[56]

Der Versuch der Vereinnahmung des Parks für Strategien zur Vermarktung der Stadt und „Aufwertung“ des Stadtteils führte bei einzelnen Beteiligten zu einer veränder­ten Sichtweise auf den Park. Wurde zunächst noch mit einem hohen Verantwortungs­gefühl auf den unbeschädigten Zustand des Parks geachtet, führte die zunehmende Verwendung des Parks für Werbezwecke zu einer Veränderung der Ansprüche und ei­nem Nachlassen der Motivation, den Park und seine Einrichtung in einem vollkom­men intakten Zustand zu erhalten, wie Sabine Stoevesand zum Ausdruck bringt:

„Ich habe mich am Anfang sehr verantwortlich gefühlt, für die Hundewiese und für diesen Fliegenden Teppich, und in dem Maße, wo mit dem Park Re­klame gemacht wird, er kommerziell auch im Rahmen so einer Aufwer­tungs­strategie eine Rolle spielt, in dem Maße habe ich gemerkt, wird mir das egal. Es ist eher so: ‘Bitte lasst ihn abrockern, damit hier nicht alles total schick und clean wird’.“[57]

Exner und Kratzwald (2012) weisen ebenfalls auf diese Zwiespältigkeit von Com­mons unter gegebenen Bedingungen hin:

„Die Trennlinie zwischen der Selbstbestimmung förderlichen Regulierungen und dem neoliberalen Leitbild der Governance kann ziemlich dünn sein. […] Ob ein Commons die Handlungsmöglichkeiten seiner Nutzerinnen erhöht und damit das Potenzial für eine Emanzipation aus den kapitalistischen Unterord­nungsverhältnissen hat oder ihre Anpassungsfähigkeit an das Marktsystem er­höht, kann nur im Einzelfall geklärt werden. Meist werden, mit unter­schiedli­chem Gewicht, beide Effekte auftreten.“ (Exner/Kratzwald, 2012: 33)

Die widersprüchliche Dynamik, die sich im Zusammenhang mit ‘Park Fiction’ als ur­banem Commons unter den Bedingungen einer Stadtentwicklungspolitik, die die Stadt in erster Linie als Standort und Marke begreift, zeigt, kann exemplarisch für den Widerspruch zwischen einer profitorientierten Stadtentwicklung einerseits und einer demokratischen Aneignung und Gestaltung der Stadt durch ihre Bewohner_-innen (Stadt als Commons) andererseits begriffen werden. Für die Soziale Arbeit bzw. Gemeinwesenarbeit kann die Orientierung an letzterem Pol und die par­teiliche Einmischung zu Gunsten der mit ihm verbundenen Entwick­lungsrichtung Perspekti­ven für eine stärkere politische Produktivität innerhalb dieses Konflikts er­öffnen.
Mit der Frage, inwiefern die Orientierung auf eine Stärkung von Commons Bezugs­punkt für eine kritisch-emanzipatorische Soziale Arbeit sein kann, werde ich mich im Folgenden beschäftigen.


Fußnoten

39) So wurde in dieser Zeit mit dem Freien Sender Kombinat ein freier Radiosender gegründet, der bis heute auf Sendung ist.

40) vgl. http://www.no-bnq.org/

41) vgl. http://www.sos-stpauli.de/

42) vgl. http://www.essohaeuser.info/

43) In diesem Kontext lässt sich etwa die Einstellung der Förderung des 1967 gegründeten Projekts der Offenen Kinder- und Jugend- und Gemeinwesenarbeit Sonnenland in Billstedt, im Osten Hamburgs, im Jahr 2007 deuten. (vgl. http://www.nokija.de/2009/01/08/sonnenland-da-war-doch-was/)

44) Bei der Beschreibung der Geschichte des Projekts ‘Park Fiction’ stütze ich mich überwiegend auf die Magisterarbeit „Park Fiction – Analyse eines selbstorganisierten Planungsprozesses zwischen Kunst, Gemeinwesenarbeit und Urbanismuskritik in Hamburg-St. Pauli“ von Wanda Wieczorek (Universität Lüneburg, 2005) und Gespräche mit Axel Wiest und Sabine Stövesand, die langjährige Mitglieder der Parkinitiative waren.

45) Die ersten Proteste gegen die bereits Anfang der 1980er Jahre geplante Bebauung wurden schon 1981 von der Kirchengemeinde organisiert. (vgl. Gemeinwesenarbeit St. Pauli Süd e.V., Zentrum für stadtteilbezogene Kultur- und Sozialarbeit 2005[?]: 18)

46) Der Hafenrandverein war Anfang der 1990er Jahre im Zuge der Auseinandersetzungen um den Erhalt der Hafenstraße gegründet worden. Ihm gehörten neben Einzelpersonen auch verschiedene Institutionen des Stadtteils an, unter anderem das Netzwerk Selbsthilfe, die St. Pauli Kirche, Mieter helfen Mietern und die GWA St. Pauli. (vgl. Wieczorek 2005: 8)

47) Parallel dazu wurden von der Stadt Hamburg – ohne vorherige Bürgerbeteiligung – die im Parkplanungsgebiet gelegenen und seit Anfang der 1970er Jahre leerstehenden Kasematten an den Investor Klausmartin Kretschmer, der dort Eventgastronomie plante, verkauft, was im April 2001 zu Protesten führte. (vgl. Wieczorek 2005: 101)

48) Marx bestimmt die Beziehung zwischen diesen zwei Formen des Werts in seiner „Kritik der politischen Ökonomie“ als einen logischen Widerspruch, der im Doppelcharakter der Ware begründet liegt. Der Gebrauchswert eines Gutes bezieht sich auf seine konkrete Verwendbarkeit für einen bestimmten Zweck. Der Tauschwert bezieht sich auf den Preis eines Gutes, also den Wert, der im Warentausch auf einem Markt erzielt werden kann.

49) Sabine Stoevesand bezeichnet auch die Institutionen Kirche und Schule/Schulsozialarbeit als ein „Rückgrat für diese Form der Bürgerinitiativarbeit“, insofern sie in dem insgesamt zehnjährigen Prozess der Durchsetzung und Realisierung des Parks zur Kontinuität der Arbeit beigetragen haben. (Gespräch mit Sabine Stövesand im Februar 2013)

50) Gespräch mit Axel Wiest im Februar 2013.

51) ebd.

52) Aus einem Gespräch mit Sabine Stoevesand im Februar 2013.

53) ebd.

54) ebd.

55) ebd.

56) ebd.

57) ebd.

No Comments

No Comments so far ↓

There are no comments yet...Kick things off by filling out the form below.

Leave a Comment