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2. Commons in der theoretischen und praktischen Auseinandersetzung

Commons existieren schon lange und haben im Lauf der Geschichte viele Wandlun­gen erfahren. Über Jahrhunderte bildeten Commons bzw. Allmenden, also gemein­schaftlich genutzte und verwaltete Flächen, die Grundlage des Lebens der Menschen. Im Verlauf des Aufkommens und der Ausbreitung des Kapitalismus ab dem 15. / 16. Jahrhundert fanden – stets heftig umkämpfte – Einhegungen (enclosures) der All­mende statt. Doch nicht nur im Mittelalter spielten sich Auseinandersetzungen um Commons ab. Rilling (2011) spricht in Bezug auf die Kämpfe um Commons im 20. Jahrhundert von einer Traditionslinie, die von der italienischen Autonomia-Bewe­gung der 1960er[18] über die Umweltbewegung seit den 1970er Jahren und die globali­sierungskritischen Bewegungen (alter-globalization movements[19]) der 1990er Jahre bis hin zu den antineoliberalen Bewegungen gegen Privatisierung im ersten Jahr­zehnt des 21. Jahrhunderts reicht. (vgl. Rilling 2011)
Die Verteidigung der Allmende stellte auch den zentralen Grund für den bis heute an­dauernden Aufstand der Zapatistas in Chiapas (Mexiko) dar. Sie wandten sich 1994 gegen die Aufhebung eines Artikels in der mexikanischen Verfassung, nach dem je­des Dorf über ein ejido (etwa: Allmendeland) verfügte. (vgl. Linebaugh 2012: 146) Auch die Entwicklungen in Richtung partizipatorischer und protagonistischer Demo­kratie sowie demokratischem Sozialismus, die in südamerikanischen Ländern wie Venezuela, Ecuador und Nicaragua unter dem Label Bolivarianismus[20] vollzogen werden, haben die Debatte um die Rückforderung bzw. Wiederaneignung der Com­mons auf unterschiedliche Weise wieder auf die Tagesordnung gebracht.
Einen weiteren Strang für die „Wiederentdeckung“ der Commons in der jüngeren Vergangenheit stellen die Ent­wicklungen im Bereich des Internets und der Wissensallmende dar. Die Produktion Freier Software seit den 1980er Jahren, die Entstehung von Organisationen wie Crea­tive Commons mit ihrem Lizensierungsmo­dell für Werke wie Texte, Bilder, Musik­stücke oder Videoclips[21] und das darauf ba­sierende Onlinelexikon Wikipedia sind in diesem Kontext zu sehen.

2.1 Begriffsbestimmung: Commons

Um das den Commons zugrunde liegende Prinzip entfalten zu können, werde ich mich zunächst mit der Entstehung des Begriffes und seiner Entwicklung auseinander­setzen. Dabei gibt es einige Parallelen zu der Bestimmung des Begriffs Gemeinwe­sen, da sich das englische Adjektiv, Verb und Nomen common(s) so wie das deutsche Adjektiv gemein vom lateinischen communis ableitet. (vgl. Abschnitt 1.2)
In dem umfangreichen Eintrag zum Stichwort gemein im Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm (DWB) wird unter Bezugnahme auf die Würtembergi­sche Bauordnung von 1654 als „bemerkenswert besonders“ der Begriff der gemeinen allmeinde hervorgehoben und wie folgt definiert:

„der gemeindegrund mit zubehör, der niemandes eigen ist: gemeine allmein­den […] unserer stätt sollen endlich (endgültig) und in allweg unverbawt blei­ben .. es weren dann solche plätz und allmeinden vorhanden, die zu gemei­nem nutz, zier und wolstand füglich zu überbawen“ (DWB, Stichwort ge­mein).

Diese gemeine allmeinde (von mittelhochdeutsch almende, al(ge)meinde) ist auch Ursprung der deutschen Übersetzung des Begriffs commons mit Allmende oder Ge­meindeland.[22] In der Regel wird mit dem Begriff Allmende ein bestimmter Teil der Gemeindeflur in Form von Weide, Wald oder Ödland bezeichnet, das nach spezifi­schen Regeln genutzt werden kann. Im DWB wird die Allmende auch als „der verein, die gemeinschaft freier männer, die sich in wald und weide zulängst erhielt“, be­stimmt. Als Synonym für Allmende bzw. Gemeinde- oder Commungut wird in der Oeconomi­schen Encyklopädie von J. G. Krünitz (OEK) der Begriff Gemeinheit ge­nannt. (OEK, Stichwort Allmende)
Im englischen Wortschatz existieren vom Terminus commons abgeleitet die Begriffe commoner„a person who has a right over another’s land, e.g. for pasturage [~ Weiderecht, F.M.] or mineral extraction“ (OD, Stichwort commoner), in histori­schem Kontext übersetzt als Kleinbauer – und in älteren Quellen auch das Verb to common. Linebaugh (2008) verweist auf eine Schrift des englischen Richters und Po­litikers Edward Coke (1552-1634), der den Begriff common in einer Abhandlung über die Magna Charta und die Charter of the Forest (vgl. Abschnitt 2.2) zur Be­schreibung der Nutzung bzw. Bewirtschaftung der Allmende als Verb gebraucht:

„Generally a man may common in a forest.“ (Coke 1650, zit. nach Line­baugh, 2008: 79)

Der damit zum Ausdruck kommende Bedeutungsaspekt von Aktivität, Tätigkeit im Gegensatz zur rein stofflichen Dimension eines commons als Ding oder Ressource lässt sich nicht adäquat ins Deutsche übersetzen. Dyer-Whiteford (2007) weist darauf hin, dass im Englischen sowohl von common earth, common wealth, common net­works, commons of land (im weitesten Sinne die gesamte Biosphäre umfassend), commons of labour (im weitesten Sinne produktive und reproduktive Arbeit umfas­send) als auch von commons of language (im weitesten Sinne alle Mittel der Infor­mation, Kommunikation und des Austauschs von (Er-)Kenntnissen umfassend) die Rede ist bzw. sein kann. (vgl. Dyer-Witheford 2007) Derart lässt sich begrifflich we­sentlich deutlicher als in der deutschen Sprache zum Ausdruck bringen, was in Bezug auf die verschiedenen Bereiche jeweils common, im Sinne von gemeinsam, allge­mein bzw. allgemein oder im Verein geteilt ist.[23]

Eine wichtige begriffliche Unterscheidung stellt die zwischen Commons (Gemeingü­ter, Allmende oder Gemeinheit) und common pool ressources (Gemein- oder All­menderessourcen oder einfach Ressourcen) dar. Letztere alleine sind noch keine Commons, sondern stellen erst die Bausteine (z.B. Wasser, Boden, Softwarecodes) dar, aus denen sich in Verbindung mit konkreten Menschen bzw. Gemeinschaften und von ihnen ausgehandelten bzw. aufgestellten Normen und Nutzungsregeln Com­mons konstituieren. Commons lassen sich daher als ein soziales Verhältnis bestim­men. (vgl. Abschnitt 2.3)
Da a) die Übersetzung des englischen Begriffs commons mit Gemeingut/Gemeingü­ter insofern eine Verkürzung der Bedeutung mit sich bringen könnte, als mit der Rede von einem Gut begrifflich nahegelegt wird, commons auf eine rein materielle Existenz reduziert zu verstehen, und b) die Übersetzung mit Allmende den Fokus zu sehr „auf eine ländliche Form der Nutzung, auf Wald und Wiese“ (Illich 1982: 7) lenkt, werde ich im Folgenden den englischen Begriff Commons verwenden.[24]

2.2 Zur Geschichte der Commons

The law locks up the man or woman
who steals the goose off from the common
but leaves the greater villain loose
who steals the commons from the goose.
(England, 17. Jh.)

Nach Exner und Kratzwald (2012) war die gesamte Entwicklungsgeschichte des Ka­pitalismus von Kämpfen um Commons bestimmt, „erst um den Zugang zu Land, dann um den Erhalt der selbstorganisierten Bereiche außerhalb des Systems von Markt und Staat und um das Eigentum an Produktionsmitteln allgemein“ (Exner/Kratzwald, 2012: 55).
Voraussetzung für die Etablierung und Durchsetzung der kapitalistischen Vergesell­schaftung war nach Marx die „ursprüngliche Expropriation“ (Marx 1865) bzw. „ur­sprüngliche Akkumulation“ (Marx 1867: 741ff.) – „eine Reihe historischer Prozesse, die in einer Auflösung der ursprünglichen Einheit zwischen dem Arbeitenden und seinen Arbeitsmitteln resultieren“ (ebd., Hervorhebungen im Original). Diese Einheit bestand noch in der Bewirtschaftung der mittelalterlichen Allmende, wurde jedoch mit der Einhegung (enclosure), d.h. der Einzäunung und Privatisierung dieses Ge­meindelandes aufgelöst. Mit der Einhegung einhergehend kam es auch auf Gesetzes­ebene zu einer zunehmenden Beschneidung der Allmenderechte, die der gemein­schaftlichen Nut­zung des Landes durch die Kleinbauern (die commoners) zugrunde lagen.

In England waren in Folge von sozialen Kämpfen zwischen Adel, König, Kirche und common people in den Jahren 1215 und 1217 von König Johann Ohneland (John I.) die sogenannten Charters of Liberties – die Magna Carta und die Charter of the Fo­rest[25] – erlassen worden. Diese Gesetzestexte oder Urkunden waren Zusammen­fassungen bisher gültiger Gewohnheitsrechte. Mit der Magna Carta, die heute als Ur­sprung der Bürgerrechte gilt, wurden politische Freiheitsrechte garantiert. In der – formal bis 1971 gültigen – Charter of the Forest wurde geregelt, dass und auf welche Weise alle gemeinen Leute Zugang zu den königlichen forests hatten und mit den dort vorhandenen Ressourcen ihre Existenz bzw. Subsistenz sichern konnten. (vgl. Exner/Kratzwald 2012: 48ff.) Während in der Magna Carta hauptsächlich politische und juristische Rechte geregelt wurden, behandelte die Charter of the Forest mit ih­ren Hauptprinzipien „subsistence, no enclosure, neighborhood, travel, and repara­tions“ (Linebaugh 2008: 230) elementare Fragen der Ökonomie. (vgl. ebd.: 6) Line­baugh weist darauf hin, dass die Charter of the Forest im Vergleich zur Magna Carta aus verschiedenen Gründen – u.a. aufgrund ihrer zum Teil archaischen Terminologie – heute nur noch in weit geringerem Maße bekannt ist. Er betont jedoch den engen inhaltlichen Zusammenhang der beiden Dokumente:

„The message of the two charters […] is plain: political and legal rights can exist only on an economic foundation.“ (Linebaugh, 2008: 6)

Engels (1882) zeichnet in seinem Aufsatz „Die Mark“ vor dem Hintergrund der da­maligen „Verschuldungsknechtschaft der Kleinbauern“ (Engels 1882: 317) die Ent­stehung des Grundeigentums an Land, aus dem was früher – „nicht nur in Deutsch­land, sondern auch in Nordfrankreich, England und Skandinavien“ (ebd.) – „Gemein­eigentum aller freien Männer “ (ebd.) war, nach. Dabei spielte die Vereinigung von Dörfern zu einer Markgenossenschaften mit Markverfassung eine wichtige Rolle: Die Markgenoss(_inn (?))en verwalteten den „Gemeinbesitz an Wald und Weide“ (ebd.: 321) und entschieden mittels einer Versammlung über die Angelegenheiten der Mark: die Verteilung der Felder, die Art der Bewirtschaftung, das Richten über Streitigkeiten[26]:

„Die Art dieser Nutzung wurde durch die Gesamtheit der Genossen bestimmt; ebenso die Art der Aufteilung, wenn der bisher bebaute Boden nicht mehr reichte und ein Stück der gemeinen Mark in Anbau genommen wurde. Haupt­nutzung in der gemeinen Mark war Viehweide und Eichelmast, daneben lie­ferte der Wald Bau- und Brennholz, Laubstreu, Beeren und Pilze, das Moor, wenn vorhanden, Torf.“ (ebd.: 322; vgl. Engels 1892: 146)

Karl Marx (1867) führt zum Thema Umwandlung von Gemeindeeigentum in Pri­vateigentum im Kapitel zur ursprünglichen Akkumulation des Kapitals folgendes aus:

„Das Gemeindeeigentum – durchaus verschieden von dem […] Staatseigen­tum – war eine altgermanische Einrichtung, die unter der Decke der Feudali­tät fortlebte. Man hat gesehn, wie die gewaltsame Usurpation desselben, meist begleitet von Verwandlung des Ackerlands in Viehweide, Ende des 15. Jahrhunderts beginnt und im 16. Jahrhundert fortdauert. Aber damals vollzog sich der Prozeß als individuelle Gewalttat, wogegen die Gesetzgebung 150 Jahre lang vergeblich ankämpft. Der Fortschritt des 18. Jahrhunderts offen­bart sich darin, daß das Gesetz selbst jetzt zum Vehikel des Raubs am Volks­land wird, obgleich die großen Pächter nebenbei auch ihre kleinen unabhängi­gen Privatmethoden anwenden. Die parlamentarische Form des Raubs ist die der “Bills for Inclosures of Commons” (Gesetze für Einhegung des Gemeinde­landes), in andren Worten Dekrete, wodurch die Grundherrn Volksland sich selbst als Privateigentum schenken, Dekrete der Volksexpropriation.“ (Marx 1867: 752f.; vgl. Marx 1868 und Linebaugh 2008: 278)

In England wurden 1536 die katholischen Klöster und die dazugehörigen Allmenden aufgelöst. Damit begann das erste große Enclosure Movement, also die Auflösung der Allmenderechte. Auf diese Weise wurde der Weg zur privaten Landnahme durch Einhegungen geebnet, und eine neue Klasse von Landbesitzern, die landed gentry, der niedere Landadel, entstand. Land wurde kommodifiziert, zur (handelbaren) Ware gemacht und damit privatisiert. Linebaugh nennt diesen Vorgang „a massive act of state-sponsored privatization“ (Linebaugh 2008: 49).
Diese Entwicklungen waren Ausgangspunkt für eine Vielzahl von Rebellionen und Aufständen der common people – z.B. im sogenannten Bauernkrieg der Jahre 1524-26 im süddeutschen Sprachraum (vgl. Linebaugh 2008: 55) –, die sich gegen die Enteignung von seit Jahrhunderten bestehenden Allmenden und die Beschneidung bzw. Abschaffung gemeinschaftlicher Weide-, Holzschlag-, Fischerei- oder Jagdrechte wehrten.[27] Auch die Bewegungen der Levellers und Diggers, die im England des 17. Jahrhunderts für den Erhalt des Gemeineigentums an Land und soziale Gleichheit kämpften, standen in dieser Tradition, wenn sie bspw. im September 1648 mit einer an das englische Parlament gerichteten Petition neben anderen Forderungen die Öff­nung „of all late enclosures of Fens [~ Moor, F.M.] and other Commons“ (ebd.: 83) vorbrachten.

In England war die Nutzung der Allmende noch im 18. Jahrhundert weit verbreitet:

“The whole family commoned. It provided subsistence, a safety net against unemployment or low wages, and social security for the old.” (Linebaugh 2008: 102)

Mit zunehmender Durchsetzung des kapitalistischen Wirtschaftssystems und seiner Logik geriet die Charter of The Forest mit den in ihr festgehaltenen positiven Frei­heiten und Nutzungsrechten jedoch langsam in Vergessenheit und die dominante In­terpretation der Magna Carta änderte sich. Sie wurde zunehmend losgelöst von der Charter of the Forest interpretiert und nicht mehr zur Legitimation der Einschrän­kung der Rechte der Herrschenden und ökonomischen Stärkung der Beherrschten, sondern zum Schutz des Privateigentums und der staatlichen Macht verwendet. (vgl. Exner/Kratzwald 2012: 52 und Linebaugh 2008: 272) Das Enclosure Movement, des­sen Höhepunkt zwischen 1760 und 1832 lag, und die damit einhergehende Enteig­nung der Commons und ihre Überführung in Privateigentum führte zu einer Verar­mung der ehemaligen Kleinbauern, denen auf diese Weise die Grundlage ihrer Exis­tenz ge­nommen wurde.[28] Damit ging die Kriminalisierung der Selbstversorgung durch das Commoning, das Nutzen und Bewirtschaften der Allmende, einher:

„Der Fischer war nun Wilderer, Futtersuche geriet zum Hausfriedensbruch, ein Feuer anzumachen galt nun als Brandstiftung und Holz im Wald zu sam­meln als Diebstahl.“ (Exner/Kratzwald 2012: 52)

Auch in den Kolonien wurden im Zuge der Durchsetzung der Sklaverei die existie­renden Gesellschafts- und Wirtschaftsstrukturen, die vielfach ebenfalls auf der ge­meinschaftlichen Bewirtschaftung von Allmenden basierten, zerstört, kommunales oder Stammeseigentum enteignet und Gesetze erlassen, die traditionelle Lebenspra­xen und Wirtschaftsformen kriminalisierten und es ermöglichten, diejenigen, die nicht von ihnen abließen, zu disziplinieren, was zur Organisation mannigfaltigen Wi­derstands führte.[29] (vgl. Linebaugh/Rediker 2008) Für die Organisierung dieses Wi­derstands gegen die Einhegungen waren die Allmenden selbst bedeutsame Orte. Kratzwald (2012) weist etwa darauf hin, dass 1795 ein Knappenaufstand im kärtneri­schen Hüttenberg seinen Ausgang von einer Versammlung auf einer Tratte nahm.[30]
Diese Veränderung der Rechtsgrundlagen war Mittel zur Durchsetzung der oben an­gesprochenen „ursprünglichen Expropriation“ (Marx 1865), in deren Kontext der doppelt freie Lohnarbeiter entstand, womit einerseits die Freiheit von feudalistischen Zwängen und andererseits die Freiheit (im Sinne von Abwesenheit) von Produktions­mitteln und der daraus resultierende Zwang, die eigene Arbeitskraft z.B. in den Fa­briken zu verkaufen, gemeint ist. Mit der Durchsetzung der kapitalistischen Logik ging ein um­fassender Prozess der Trennung einher: Zum Einen einer Trennung der Menschen voneinander, da sie sich nicht mehr direkt und wechselseitig „sondern über den Um­weg von Kauf und Verkauf“ (Exner 2006: 255f.) aufeinander beziehen; zum Anderen die „Trennung von sich selbst“ (ebd.), insofern „sie sich zu sich selbst wie zu außer­halb ihrer selbst befindlichen Objekten verhalten“ (ebd.), wenn Teile der eigenen Lebenszeit und -energie auf dem Arbeitsmarkt verkauft werden; des Weite­ren die „Trennung von ihren Lebens- und Produktionsmitteln – da sie erstere gegen Geld erwerben und sich dem Kommando der Besitzer zweiterer unterwerfen müssen, um zu Geldeinkommen zu gelangen“ (ebd., Hervorhebung im Original).
Polanyi beschreibt in seinem Werk „The Great Transformation“ (1944) die Durch­setzung der Logik des Kapitals als „Entbettung“ des ökonomischen Systems aus sei­nen natürlichen Einbettungen: Diente die Ökonomie zunächst direkt der Reprodukti­on der Menschen in ihren Gemeinwesen, kam es im Zuge des Prozesses der Entbet­tung des Ökonomischen zu einer Umkehrung des Verhältnisses von Öko­nomie und Gesellschaft: Die ökologischen, sozialen und kulturellen Teilsysteme dienten zuneh­mend dem Teilsystem der Ökonomie und wurden seiner Verwertungs­logik un­terge­ordnet. (vgl. Elsen 1997: 17)

Exner und Kratzwald (2012) weisen darauf hin, dass noch in der frühen Arbeiter_in­nenbewegung des 19. Jahrhunderts Kämpfe „gegen die Lohnarbeit und damit für die Commons […] wichtiger [waren] als die Kämpfe innerhalb des Lohnarbeitsverhält­nisses für bessere Arbeitsbedingungen“ (Exner/Kratzwald 2012: 55, Hervorhebungen im Original). In diesem Zusammenhang wurden von den doppelt freien Lohnabhän­gigen sehr früh verschiedene Formen der Selbstorganisation bzw. Selbsthilfe eta­bliert, wie etwa solidarische Versicherungssysteme oder Streikfonds. Dabei spielte die Assoziation in Genossenschaften als egalitäre Form der Organisierung kollektiver Selbsthilfe neben der Organisation in Partei und Gewerkschaft eine wichtige Rolle. (vgl. Boulet et al. 1980: 11ff.; Elsen 1997: 69ff. und Abschnitt 1.3) Die damit einher­gehende Perspektive war eine über das existierende System hinausreichende, wie sie sich etwa 1871 in der Pariser Commune, die mit blutiger Gewalt niedergeschlagen wurde, manifestierte. Das war auch den Herrschenden im Deutschen Kaiserreich be­wusst. So sollten mit der Einführung staatlicher Versicherungssysteme wie der Sozi­alversicherung ab 1881 durch Bismarck u.a. die Arbeiter_innenbewegung (und ihre autonom verwalteten Hilfskassen) geschwächt werden. Wie Wilhelm I. in der von Bismarck am 17. November 1881 verlesenen Kaiserlichen Botschaft formulierte, vertrat er die Auffassung, „daß die Heilung der sozialen Schäden nicht ausschließlich im Wege der Repression sozialdemokratischer Ausschreitungen, sondern gleichmä­ßig auf dem der positiven Förderung des Wohles der Arbeiter zu suchen sein werde“ (Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Reichstages 1882: 1f.).
Um die revolutionären Forderungen nach einer grundsätzlichen Reorganisation der Gesellschaft zu unterminieren, wurde die deutsche Sozialgesetzgebung eingeleitet und auf diese Weise eine teilweise Verstaatlichung der sozialen Bewegungen und der vormals autonomen und solidarisch selbstorganisierten Strukturen eingeleitet. (vgl. Lemke 1997: 206). Die Einführung der Sozialversicherung kann daher einerseits als Versicherung der Regierenden gegen Revolutionen und andererseits als verstaatlichte und damit – allerdings im Wesen veränderte – Fortsetzung der Commons begriffen werden. (vgl. Exner/Kratzwald 2012: 55f.) Die (sozial)staatliche Bereitstellung so­wohl von Leistungen zur Alters- und Krankheitsvorsorge als auch der Kompensation von Erwerbslosigkeit ist jedoch grundsätzlich auf Steuereinnahmen und damit auf die Kapitalverwertung angewiesen. Sie basiert also zentral auf der rechtlichen Fixie­rung und Durchsetzung des Privateigentums. Dieses stellt – so wie die Commons – ein soziales Verhältnis dar, jedoch eines, das auf dem Ausschluss Dritter von der Nut­zung des jeweiligen Privateigentums basiert. Mit Exner und Kratzwald (2012) lassen sich die gesellschaftlichen Widerstände gegen diese Logik, wie sie sich etwa in der Gegenkultur der 1960er und 70er Jahre, im Kampf um Freiräume, selbstverwaltete Jugendzentren, besetzte Häuser und nichtkommerzielle Medien und in den Arbeits­kämpfen und der Entwicklung solidarischer Ökonomien mit Gemeinbesitz an Pro­duktionsmitteln manifestierten, als Praxen des Commoning begreifen, die – häufig ausgehend von einer theoretischen – eine praktische Kritik des kapitalistischen Systems darstellten. (vgl. Exner/Kratzwald 2012: 56ff.)
Die derzeitigen Angriffe auf (die Grundlagen) existierende(r) immaterielle(r) Com­mons – (digitale) Wissensallmende versus geistiges Eigentum – und materielle(r) Commons, wie sie sich vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern in Form des Land Grabbing, also der privaten Aneignung von Land durch Konzerne zeigen, verdeutlichen die ungebrochene gesellschaftliche Relevanz der Commons, sowohl für das Leben der Menschen als auch für die Profitinteressen des Kapitals.

2.3 Von der ‘Tragödie’ über die ‘Verfassung’ zu neuen Formen der Produktion (auf Grundlage) von Commons

Die Allmende war Zeit ihrer Existenz auch Gegenstand wissenschaftlicher Ausein­andersetzungen. Im 20. Jahrhundert war insbesondere der – auf einer begrifflichen Ungenauigkeit basierende – 1968 in der Fachzeitschrift Science publizierte Aufsatz „The Tragedy of the Commons“ des US-amerikanischen Biologen Garrett Hardin sehr einflussreich. (Hardin 1968) Die darin vertretene These, dass alleine staatliche Eingriffe oder die Privatisierung von Commons allgemeinem Ruin vorbeugen könn­ten, diente vielfach zur Begründung entsprechenden politischen Handelns weltweit.
Eine fundierte und erst in der jüngeren Vergangenheit breit rezipierte Kritik an die­sem Modell wurde von der US-amerikanischen Politologin Elinor Ostrom in ihrem Hauptwerk „Die Verfassung der Allmende: jenseits von Staat und Markt“ (1999; im Original: „Governing the Commons – The Evolution of Institutions for Collective Ac­tion“ (1990)) vorgelegt. Im Folgenden werde ich die beiden Ansätze darstellen und abschließend auf neuere Entwicklungen der Produktion von und auf Grundlage von Commons, wie sie sich in der commons-basierten Peer-Produktion manifestie­ren, eingehen.

2.3.1 Die ‘Tragödie’ der Allmende

Einen wichtigen Bezugspunkt für die Verteidigung des Privateigentums als überlegen gegenüber anderen Eigentumsformen, wie z.B. gesellschaftlichem (insbesondere staatlichem) Eigentum, bildete im 20. Jahrhundert lange Zeit die von Hardin (1968) vorgelegte Argumentation von der Tragödie bzw. dem Elend der Allmende.
Hardin argumentiert in seinem Aufsatz „Tragedy of the Commons“, dass Commons – vor dem Hintergrund einer wachsenden Weltbevölkerung – zwangsläufig übernutzt und so zu einer Nachhaltigkeitstragödie führen würden. Daraus leitet er ab, dass die Einhegung und Zerschlagung der Commons notwendig sei. Er postuliert: „Freedom in a commons brings ruin to all.“ (Hardin 1968: 1244) Seine These versucht er mit dem Bild einer Weide zu untermauern, die er als offen für alle und deren Nutzung er als unreguliert zeichnet. Auf diese Weide würden nun einzelne Hirten, die er als sozi­al isoliert und zweck-rational handelnd darstellt, immer mehr Tiere treiben, um ihren privaten Nutzen zu maximieren, bis es zu einer Überweidung und somit Zerstörung der Weide kommt. Dies sei die tragedy of the commons, die Tragödie bzw. das Elend der Allmende:

„As a rational being, each herdsman seeks to maximize his gain. […] Adding together the component partial utilities, the rational herdsman concludes that the only sensible course for him to pursue is to add another animal to his herd. And another; and another…. But this is the conclusion reached by each and every rational herdsman sharing a commons. Therein is the tragedy. Each man is locked into a system that compels him to increase his herd without limit – in a world that is limited. Ruin is the destination toward which all men rush, each pursuing his own best interest in a society that believes in the freedom of the commons.“ (ebd.)

Weiter argumentiert er, dass das System des Privateigentums zwar ungerecht sei, aber allgemein in Kauf genommen werde, da niemand bisher ein besseres System entwickelt habe und die Alternative der Commons zu entsetzlich sei, um sie in Be­tracht zu ziehen. Ungerechtigkeit sei dem Ruin vorzuziehen.[31] Ostrom (1999) weist darauf hin, dass eine vergleichbare Argumentation bereits bei Aristoteles zu finden ist, der postulierte, dass „dem Gut, das der größten Zahl [von Menschen, F.M.] ge­meinsam ist, die geringste Fürsorge zuteil“ (Aristoteles, zit. nach Ostrom 1999: 3) werde: „Jeder denkt hauptsächlich an sein eigenes, fast nie an das gemeinsame Inte-resse.“ (ebd.) Ähnliche Argumentationen sind auch bei Hobbes und seiner Parabel des Menschen im Naturzustand zu finden. (vgl. ebd.)
Hardins Ausführungen basieren zentral auf dem Menschenbild bzw. -modell des Homo Oeconomi­cus, nach dem der einzelne Mensch isoliert von anderen stets egois­tisch die Maxi­mierung seines eigenen Nutzens anstrebt. Weiterhin liegt seiner Argu­mentation ein Verständnis von Commons zugrunde, dass diese als Niemandsland be­greift, wie ex­emplarisch an folgender Passage über die Bedrohung der Weltmeere als Gemeingut durch die Philosophie der Commons, die identisch mit rücksichtsloser Ausbeutung sei, deutlich wird:

„Likewise, the oceans of the world continue to suffer from the sur­vival of the philosophy of the commons.“ (ebd.: 1245)

Er berücksichtigt dabei nicht die zum Teil Jahrtausende alten Erfahrungen des Com­moning, der gemeinschaftli­chen Bewirtschaftung der Allmende, die rechtlichen Grundlagen und die Institutio­nen, die zu diesem Zweck geschaffen wurden und die Fähigkeit der Menschen zu verständigungsorientiertem Handeln. (vgl. Linebaugh 2008: 9f.) Zudem basiert das von ihm zugrundegelegte Verständnis von privater Nut­zenmaximierung auf der ge­genwärtigen kapitalistisch geprägten Logik von Kauf und Verkauf, die in die Vergan­genheit und auf Vergesellschaftungsformen, die nach einer ganz anderen Logik funk­tionierten, rückprojiziert und so als natürlich und überzeit­lich dargestellt wird:

„Die nutzenmaximierenden Hirten auf seiner Weide ziehen ihren Nutzen nicht etwa daraus, dass sie ihr Vieh beispielsweise zur Milcherzeugung wei­den lassen, um diese Milch dann trinken zu können, sondern sie lassen das Vieh grasen, um es dann zu verkaufen.“ (Nuss 2006: 121, Hervorhebung im Original; vgl. ebd.: 120 ff.).

Hardin (1968) spricht sich, um die tragedy of the commons zu verhindern, für soziale Arrangements, die Verantwortung erzeugen – „social arrangements that produce re­sponsibility“ (ebd.: 1247) – aus. Unter den möglichen Varianten solcher Arrange­ments befürwortet er die Privatisierung von Commons, ihre Überführung in Privatei­gentum und die Vermittlung unterschiedlicher Interessen über den Markt. Diese Ar­gumentation und dieses (Miss-)Verständnis dessen, was Commons ausmacht, hatte und hat bis in die Gegenwart einen starken Einfluss, sowohl auf die (neo-)liberale Theoriebildung in der Wirtschaftswissenschaft und darüber hinaus als auch auf Re­gierungshandeln. So wird der Begriff Commons häufig einfach für Ressourcen ver­wendet, für deren Nutzung keine Regeln existieren und die somit allen offen stehen. Dabei handelt es sich jedoch nicht um Commons, sondern um Open-Access-Güter. (vgl. Exner/Kratzwald 2012: 26) Hardin korrigierte sich denn auch 30 Jahre nach der Veröffent­lichung seines Aufsatzes und präzisierte, dass in seinem Aufsatz eigentlich „unma­naged commons“ (Hardin 1998) und nicht Commons per se gemeint waren.

2.3.2 Die ‘Verfassung’ der Allmende

Die US-amerikanische Politikwissenschaftlerin Elinor Ostrom (1933-2012) forschte seit Anfang der 1960er Jahre zu Problemen des kollektiven Han­delns von Individuen, die Allmenderessorcen nutzen. Gegenstand einer ihrer ersten Untersuchungen stellte die Entwicklung von Institutionen für die Nutzung von Was­serressourcen in Südkali­fornien dar. (vgl. Ostrom 1999: XIf.) 1973 gründete sie zu­sammen mit ihrem Mann Vincent Ostrom an der Indiana University in Bloomington (USA) den Workshop in Political Theory and Policy Analysis, der seitdem eines der bedeutendsten Zentren für Allmendestudien darstellt. Sie lieferte in ihrem Werk „Die Verfassung der All­mende – Jenseits von Staat und Markt“ (1999) eine fundierte Kritik von einflussrei­chen polit-ökonomischen Modellen zur Beschrei­bung menschlichen Verhaltens (im Umgang mit (Natur-)Ressourcen), wie u.a. der Hardinschen Tragödie der Allmende.
Ostrom führt aus, dass ihr in den 1980ern bewusst wurde, dass bereits eine Fülle von Fallstudien aus verschiedenen Bereichen existierte, die sich mit den Strategien der Nutzer_innen (im engl. appropriator ~ Aneigner_innen) von Allmenderessorcen und den jeweils von ihnen angewandten Regeln beschäftigten, bis dahin jedoch kein Ver­such einer Synthese dieser Studien unternommen worden war.[32] Aufbauend auf die­ser empirischen Grundlage entwickelten Ostrom und assoziierte Wissenschaftler_in­nen ein Erfassungsschema, mit dem sie die vorliegenden Informationen strukturier­ten, um so mehr über die Art und Weise, wie Allmenderessourcen mit Hilfe von Insti­tutionen durch die Nutzer_innen bewirtschaftet werden (können) und zu was für Er­gebnissen dies jeweils führt(e), zu erfahren. Das Ziel war die Entwicklung einer um­fassenden Theorie der institutionellen Arrangements, die die effiziente Selbstverwal­tung und Bewirtschaftung von Allmenderessourcen (common-pool ressources) the­matisiert. (vgl. Ostrom 1999: XII)
Die Ergebnisse ihrer empirischen und diverser experimenteller Untersuchungen stel­len die Unangemessenheit und Untauglichkeit der konventionellen Theorie(n) der Allmenderessourcen heraus. Vernachlässigt wurde demnach in bisher existierenden wirtschaftswissenschaftlichen Modellen menschlichen Handelns die Bedeutung von Faktoren wie Vertrauen, Reputation und Reziprozität für die Kooperation von Men­schen. Reziprozität umfasst dabei „(1) einen Versuch herauszufinden, wer alles zur Gruppe gehört, (2) eine Abschätzung der Wahrscheinlichkeit, daß die anderen be­dingt kooperationsbereit sind, (3) eine Entscheidung, mit den anderen zu kooperie­ren, wenn sie glaubwürdig bedingt kooperationsbereit sind, (4) eine Weigerung, mit denen zu kooperieren, die nicht reziprok handeln, und (5) die Bestrafung derer, die das Vertrauen mißbrauchen“ (Ostrom 1998: 10, zit. nach Ostrom 1999: XIX).
Ostrom et al. untersuchten eine Fülle empirischer Beispiele gelingender und geschei­terter Allmende-Institutionen, wie regionale Formen zur Bewirtschaftung von Almen in der Schweiz und in Japan oder Bewässerungssysteme in Spanien und auf den Phil­ippinen, die zum Teil bereits seit Jahrhunderten existieren und in denen die Nutzer_innen selbstorganisiert eigene Bereitstellungs- und Nutzungsregeln aufge­stellt und an sich ändernde Umweltbedingungen angepasst haben. Anhand dessen zeigten sie, dass es in Gestalt der Selbstorganisation und -verwaltung von Allmende-ressorcen gelingende Arrangements jenseits einer zentralen (staatlichen) Regulierung oder der Durchsetzung privater Eigentumsrechte gibt. Aus ihren Untersuchungen lei­tete Ostrom eine Reihe von Bedingungen ab, deren Erfüllung förderlich für die Her­stellung und langfristige Erhaltung von Commons sind:

  1. Grenzen zwischen den Nutzer_innen und Ressourcen: Es bestehen sowohl klare und lokal akzeptierte Grenzen zwischen legitimen Nutzer_innen und Nichtnutzungsberechtigten als auch zwischen einem spezifischen Gemein-
    res­sourcensystem und einem größeren sozioökologischen System.
  2. Die Reproduktions- und Aneignungsregeln sind auf die lokalen Bedingungen abgestimmt.
  3. Arrangements für gemeinschaftliche Entscheidungen: Die meisten von einem Ressourcensystem betroffenen Personen können über die Nutzungsregeln und Änderungen dieser Regeln mitbestimmen.
  4. Überwachung / Monitoring: Die Überwachung des Zustands der Allmende­ressourcen und des Verhaltens der Aneigner_innen erfolgt durch Personen, die selber Nutzer_innen oder den Nutzer_innen gegenüber rechenschafts­pflichtig sind.
  5. Konfliktlösungsmechanismen: Die Aneigner_innen und ihre Bevollmächtig­ten haben raschen Zugang zu lokalen Einrichtungen, die Konflikte zwischen Nutzer_innen oder zwischen Nutzer_innen und ihren Bevollmächtigten schlichten.
  6. Abgestufte Sanktionen: Nutzer_innen, die operative Regeln verletzen, werden glaubhaft mit abgestuften Sanktionen belegt.
  7. Anerkennung des Organisationsrechts: Das Recht der Nutzer_innen, ihre ei­genen Institutionen und Regeln zu entwickeln, wird von den staatlichen Be­hörden anerkannt.
  8. Eingebettete Institutionen: Wenn Allmenderessourcen Teile größerer Ressour­censysteme sind, sind Verwaltungsstrukturen auf mehreren Ebenen miteinan­der verknüpft. (vgl. Ostrom 1999: 117ff. und Ostrom 2011: 85ff.)

Um Commons klar von Open-Access-Gütern zu unterscheiden (und um so das Miss­verständnis, das Hardins Aufsatz zur Tragedy of the Commmons zugrunde liegt, zu vermeiden), sind als zentrales Merkmal von Commons die mit ihnen einhergehenden sozialen Arrangements festzuhalten, in denen Menschen nicht vermittelt über den Markt miteinander interagieren, sondern in Form von reziproken Beziehungen. (vgl. Exner/Kratzwald, 2012: 27ff.) Den elementaren Anteil, den eine spezifische soziale Praxis für die Existenz von Commons hat, betont auch Gudeman (2001), wenn er schreibt, dass Commons „nichts Physisches [sind], sondern ein soziales Ereignis“ (Gudeman 2001, zit. nach: Helfrich 2009b: 24). De Angelis (2006) bringt diesen Umstand zum Ausdruck indem er schreibt:

„there are no commons without incessant activities of commoning, of (re)pro­ducing in common. […] there is no commons without commoning, there are no commons without communities of producers and particular flows and
mo­des of relations […]“ (de Angelis 2006)

In diesem Sinne betonen Helfrich et al. (2009c) die Bedeutung einer stetigen gemein­samen Praxis der Aneignung durch die „in vielfältigen Sozialbeziehungen agierenden Kümmerer“ (Helfrich et al. 2009c: 263) und die „konkrete Verantwortungsübernah­me von ‘commoners’ gegenüber den Ressourcen“ (ebd.), ohne die es keine Commons geben kann: „Commons sind nicht – Commons werden gemacht.“ (Exner/Kratzwald 2012: 23, Hervorhebungen im Original) Meretz (2010) kennzeichnet Commons und die sie konstitutierenden Elemente wie folgt:

„Commons sind […] nicht die Ressource selbst, aber ohne Ressourcen (von Land über Produktionsmittel bis Wissen) geht es nicht. Commons sind auch nicht nur die soziale Interaktion (das Commoning), aber ohne Commoning keine Commons. Commons sind alles zusammengenommen: Ressourcen, Commoners, Commoning und schließlich die Ergebnisse aus all dem. Com­mons sind eine bestimmte Art und Weise, die Lebensbedingungen – im um­fassenden Sinne verstanden – herzustellen. Man könnte sagen, dass Commons das ist, was ‘Ökonomie’ einmal war, bevor sie aus der Gesellschaft ‘entbettet’ (Karl Polanyi) wurde: eine ‘Haushaltung’ (von griech. oíkos ‘Haus’ und nomos ‘Gesetz’), in der Leben und Produzieren nicht getrennt voneinander sind.“ (Meretz 2010)

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Commons als soziale Organisationsform aus drei Elementen bestehen:

  1. einer nicht kommodifizierten Ressource (stofflich oder immateriell);
  2. einer Gruppe bzw. Gemeinschaft von Menschen (den Commoners), die
  3. diese Ressource nach von ihnen selbst bestimmten bzw. ausgehandelten Re­geln nutzen, gestalten und pflegen bzw. sich um sie kümmern (dem Commo­ning). (vgl. Exner/Kratzwald 2012: 23 und An Architektur 2010).

2.3.3 Commons-basierte Peer-Produktion

Im Zuge der Verbreitung von Personalcomputern und des Mediums Internet seit den 1980er Jahren entstand mit der über das Internet vermittelten Produktion von Freier bzw. Open Source-(quelloffener) Software eine neue spezifische Form der Produkti­on von Commons (im Unterschied zu Waren) auf der Grundlage von Commons. Die (Zwischen-)Ergebnisse dieser Kooperation sind im Gegensatz zu proprietärer (un­freier) Software insofern frei, als der Quelltext frei kopiert, modifiziert und ver­ändert wie unverändert weiterverbreitet werden darf.[33]
Der Rechtswissenschaftler Yochai Benkler hat aus der Analyse der Art und Weise dieser Produktion das Konzept der commons-based peer production entwickelt. Er un­terscheidet sie von eigentums- und vertragsbasierten Produktionsmodellen von Un­ternehmen und Märkten. (vgl. Benkler 2006) Der Begriff kann sinngemäß mit „auf Commons basierende freiwillige Kooperation zwischen Gleichberechtigten“ (Meretz 2011: 27) bzw. „Allmendefertigung durch Gleichberechtigte“ (Wikipedia, Stichwort Commons-based Peer Production) übersetzt werden. Als zentrales Charak­teristikum dieser Produktionsform beschreibt Benkler, „that groups of individuals successfully collaborate on large-scale projects following a diverse cluster of moti­vational drives and social signals, rather than either market prices or managerial commands“ (Benkler 2002). Er entwickelte das Konzept, da weder die gängigen Theorien der neoklassischen Volkswirtschaftslehre noch andere wirtschaftswissen­schaftliche An­sätze, die ihren Modellen das Modell vom Menschen als Homo Oeco­nomicus zu­grunde legen, plausibel erklären können, weshalb Phänomene wie die Entwicklung von Open-Source-Software oder die der Freien Enzyklopädie Wikipe­dia überhaupt möglich sind.
Die Strukturen von Projekten der commons-basierten Peer-Produktion beinhalten in der Regel Maintainer oder Maintainerinnen, also Personen, die „das Projekt auf Kurs halten und beispielsweise darüber entscheiden, welche Beiträge angenommen und welche abgelehnt werden. […] Das Mittel der Wahl ist, die Projektbeteiligten davon zu überzeugen, dass eine bestimmte Aktivität sinnvoll ist.“ (Siefkes 2009c: 214)
Ge­lingt dies nicht, besteht die Möglichkeit der Abspaltung und Organisation ei­nes eigenen Projekts. Dieses wird im Kontext der commons-basierten Peer-Produkti­on als fork (~ Gabelung, Verzweigung) bezeichnet.
Als wesentliche Prinzipien der commonsbasierten Peer-Produktion sind zu nennen:

  • Beitragen statt Tauschen: Zweck der Kooperation ist nicht der Tausch von Arbeitskraft gegen Geld, sondern dass man „einem gemeinsamen Ziel zum Erfolg verhelfen möchte“ (Meretz 2011: 27). Die Produzierenden werden u.a. vom Gebrauchswert eines Produkts, seiner unmittelbaren Nützlichkeit, moti­viert und nicht vom Tauschwert, dem Wert einer Ware in Geldform.
  • Besitz statt Eigentum: Peer-Produktion, wie sie von Benkler (2006) beschrie­ben wird, basiert auf Commons und erzeugt Commons; sie sind sowohl Aus­gangspunkt für die Produktion als auch Ergebnis des Produktionsprozesses:

„[W]ährend man im Kapitalismus Eigentum mit umfangreichen Ex­klusivrechten hat, die insbesondere auch das Recht zum Verkauf um­fassen, hat man in der Peer-Ökonomie Besitz, den man benutzt, und der bei Nichtbenutzung grundsätzlich an andere übergehen kann.“ (Siefkes, 2009b: 6, Hervorhebungen im Original)

  • Freie Kooperation statt Zwang: Die Peer-Produktion basiert auf der Koopera­tion von Gleichen, von Peers. Der Produktionsprozess ist zwar strukturiert, in diesem kann jedoch niemandem einfach befohlen werden, etwas zu tun, und es kann niemand gezwungen werden, etwas zu tun, was nicht gewollt wird.

Einen Eckpfeiler dieser Form der Produktion bildet die Veröffentlichung von Beiträ­gen unter Freien Lizenzen, wie der GNU General Public License oder den verschie­denen Creative Commons-Lizenzen[34]. Auf diese Weise kann die private Aneignung eines Produkts rechtlich verhindert werden:

„In order to avoid having the joint product appropriated by any single party, participants usually retain copyrights in their contribution, but license them to anyone – participant or stranger – on a model that combines a universal license to use the materials with licensing constraints that make it difficult, if not impossible, for any single contributor or third party to appropriate the project. This model of licensing is the most important institutional innovation of the free software movement.“ (Benkler 2006: 63)

Diese Lizenzen werden in zunehmendem Maße auch für das Design und die Bauplä­ne stofflicher Güter verwendet. Meretz (2011) nennt Beispiele aus Bereichen wie Kleidung, Möbeln, Architektur und elektronischer Hardware, in denen das Prinzip des Open Design praktiziert wird. Neu entwickelte Produktionsinstrumente wie 3-D-Dru­cker und die Einrichtung von FabLabs, kooperativen Werkstätten, schaffen neue Möglichkeiten, die noch bei Weitem nicht ausgelotet sind. (vgl. Meretz 2011: 30) Das Prinzip der commonsbasierten Peer-Produktion lässt sich darüber hinaus auch in Projekten wie Gemeinschaftsgärten, Formen Solidarischer Landwirtschaft[35], dem Mietshäuser-Syndikat[36] oder Initiativen wie Open Source Ecology[37] finden. Meretz (2011) vertritt die Auffassung, dass das „was als Freie Software begann und zur commons­-basierten Peer-Produktion wurde, […] dabei [ist], sich viral als neue Produktionswei­se auszudehnen“ (Meretz 2011: 31). Dyer-Witheford (2007) versteht das Konzept der Commons als Elementarform einer Gesellschaftsform jenseits des Kapitalismus:

„If the cell form of capitalism is the commodity, the cellular form of a society beyond capital is the common.“[38] (Dyer-Witheford 2007)

Inwiefern dieses Konzept Relevanz für kritisch-emanzipatorische Soziale Arbeit und Gemeinwesenarbeit haben kann, werde ich in Abschnitt 4 darstellen. Zunächst wende ich mich jedoch dem Projekt ‘Park Fiction’ zu und werde daran exemplarisch zeigen, welchen Anteil Gemeinwesenarbeit gegenwärtig an der Errichtung von Commons haben kann, welche Schwierigkeiten sich dabei ergeben und welche Ambivalenzen unter aktuellen Bedingungen damit einhergehen, aber auch welche Möglichkeiten daraus entstehen können.


Fußnoten

18) In diesem Kontext sind auch die centri sociali occupati e autogestiti (selbstverwaltete und besetzte (Jugend-) Zentren) (vgl. De Sario 2012: 79) ab den 1970er Jahren in Italien zu betrachten. (vgl. http://www.trend.infopartisan.net/trd0300/t210300.html und http://www.copyriot.com/unefarce/no5/autonomia.html)

19) Der Begriff ‘alter’-globalization (statt ‘anti’) macht deutlich, dass sich nicht gegen Globalisierung an sich, sondern für eine andere, nicht nach kapitalistischen Prinzipien ausgerichtete Globalisierung engagiert wird.

20) Nach dem venezolanischen Unabhängigkeitskämpfer des 19. Jahrhunderts, Simón Bolívar.

21) Creative Commons (CC) ist eine gemeinnützige Organisation, die 2001 gegründet wurde. Sie entwickelt standardisierte Lizenzverträge, die der Allgemeinheit als Alternative zum herkömmlichen Urheberrecht zur Verfügung stehen. Mit ihrer Hilfe kann ein Werk bspw. mit der Erlaubnis zum Kopieren, Verändern und/oder Wiederveröffentlichen veröffentlicht werden. (vgl. http://www.creativecommons.org/)

22) Im Oxford American Dictionary lautet die entsprechende Definition des Nomens commons: „[treated as singular] land or resources belonging to or affecting the whole of a community“ (OD, Stichwort commons)

23) Bereits im spätrömischen Codex Justinianus (529 n. Chr.) wird zwischen res privatae (private Sachen), res publicae (öffentliche Sachen), res nullius (Niemandssachen) und res communes (gemeine Sachen) unterschieden. (vgl. Helfrich et al. 2009a: 4)

24) Alternativ wäre die Verwendung des alten deutschen Begriffs Gemeinheit möglich, da er ebenfalls den Blick auf die sozialen Aspekte einer Gemeinheit, eines Commons lenkt und nicht nur auf eine Sache, ein Gut. (vgl. Illich 1982: 7)

25) Als forest wurden damals nicht nur bewaldete Gebiete, sondern auch Heide, Grasland und Moore bezeichnet.

26) Im angelsächsischen Raum war die frankpledge eine vergleichbare Form der kommunalen Regierung („community local government“ (Linebaugh, 2008: 113)). Dieses Gremium entschied bspw. über Fragen wie die nach der Zahl von Kühen oder Schafen, die auf einem bestimmten Landstück grasen dürfen (ebd.): „The frankpledge […] was the administrative term for local commoning.“ (ebd.: 118) Daraus entwickelte sich später die court leet, die aus den Mitgliedern einer Nachbarschaft bestand. (vgl. ebd.: 113) Diese Form der Gerichtsbarkeit existiert in bestimmten Gemeinden Englands bis heute, siehe http://en.wikipedia.org/wiki/Leet_court#Courts_Leet_ existing_today. Vergleichbar damit ist die schweizerische Landsgemeinde, die ebenfalls noch heute in einigen Kantonen existiert. (vgl. Kratzwald 2012: 81)

27) vgl. die Zwölf Artikel, die im Zuge der Bauernkriege 1525 von einer Bauernversammlung in Memmingen verabschiedet wurden. Darin insbesondere Artikel 10, in dem die Rückgabe von Wiesen und Äckern, die einer Gemeinde zugehören, gefordert wird: http://stadtarchiv.memmingen.de/918.html.

28) vgl. Linebaugh 2008: 51f.: „Enclosures were not the only force in the creation of the land market but they destroyed the spiritual claim on the soil and prepared for the proletarianization of the common people, subjecting them to multifaceted labor discipline […].“

29) vgl. in Bezug auf die entsprechenden Prozesse im Zuge der Kolonisierung Indiens: Linebaugh 2008: 149 ff.

30) Tratte war ein in Österreich gebräuchlicher Ausdruck für Allmende. (vgl. Kratzwald 2012: 81 und http://sabitzer.wordpress.com/2010/01/25/der-knappenaufstand-in-huttenberg/)

31) „We must admit that our legal system of private property plus inheritance is unjust – but we put up with it because we are not convinced, at the moment, that anyone has invented a better system. The alternative of the commons is too horrifying to contemplate. Injustice is preferable to total ruin.“ (Hardin 1968: 1247)

32) Bis 1989 registrierten Mitarbeiter_innen der Universität Indiana insgesamt 5000 entsprechende Studien aus so unterschiedlichen Wissenschaftsfeldern wie etwa Agrarsoziologie, Forst- und Geschichtswissenschaft, Anthropologie, Ökonomie und Politologie. Über die Digital Library of the Commons auf der Homepage des Workshop in Political Theory and Policy Analysis sind eine Fülle an Publikationen (Artikel, Aufsätze, Studien und Dissertationen) im Volltext frei verfügbar, siehe http://dlc.dlib.indiana.edu/dlc/.

33) Während bei Freier Software der Fokus der Bedeutung auf der Freiheit des Nutzers liegt (vgl. http://www.gnu.org/philosophy/categories.de.html), hebt Open Source Software auf den Entwicklungsprozess und die damit einhergehende höhere Qualität des Produkts ab. (vgl. http://www.opensource.org/about)

34) vgl. Fußnote 21

35) vgl. http://www.solidarische-landwirtschaft.org/

36) vgl. http://www.syndikat.org/

37) vgl. http://opensourceecology.org/

38) „Wenn die Elementarform des Kapitalismus die Ware ist, dann ist das Commons die Elementarform einer Gesellschaft jenseits des Kapitals.“ (Übersetzung: F.M.)

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