Homepage von Florian Muhl

Homepage von Florian Muhl header image 3

1. Gemeinwesen und Gemeinwesenarbeit

Bevor ich auf den Begriff Gemeinwesen, das Bedeutungsspektrum, das sich mit ihm historisch verband und heute verbindet, und die Geschichte und Entstehung der Ge­meinwesenarbeit als Form der professionellen Sozialen Arbeit eingehe, werde ich die damit im Zusammenhang stehende Entwicklung der politischen und ökono­mischen Rahmenbedingungen in der Nachkriegszeit darstellen.

1.1 Politische und ökonomische Rahmenbedingungen in der Nachkriegszeit

Ein wichtiger Faktor für die spezifische Entwicklung des Wohlfahrtsstaats westeuro­päischen Typs nach dem Zweiten Weltkrieg war die Systemkonkurrenz zur Sowjetu­nion. Er basierte zunächst auf an­nähernder Vollbeschäftigung in Erwerbsarbeitsver­hältnissen und einer bis in die 1960er Jahre hinein prosperierenden Wirtschaft. Die Weltwirtschaftskrise der 1970er Jahre und der Zusammenbruch der Sowjetunion An­fang der 1990er Jahre führten je­doch zu gravierenden Veränderungen der (geo-) poli­tischen und ökonomischen Rah­menbedingungen. Seit den 1990er Jahren und insbe­sondere mit Einführung der Ge­setze für Moderne Dienstleistungen am Arbeits­markt (Hartz I-IV) in den Jahren 2002 und 2003 wurde in der BRD ein Umbau des Wohlfahrtsstaats zum Aktivierenden So­zialstaat vollzo­gen und verbunden damit ein Pro­zess, der als Ökonomisierung des Sozialen be­schrieben werden kann, begonnen.
Die folgende Darstellung soll einen Überblick über diese Entwicklung geben.

1.1.1 Vom Fordismus zum Postfordismus

Als Fordismus wird die historische Gestalt des Kapitalismus bezeichnet, die sich nach der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre entwickelte und die bis in die 1970er Jahre für die globalen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnis­se bestimmend blieb.[7] Hirsch (2002) beschreibt ihn als „Ergebnis höchst unter­schiedlicher und gegensätzlicher Interessen und Strategien“ (Hirsch 2002: 89) und nicht zuletzt als „Produkt des Kalten Krieges“ (ebd.). Er basierte auf einer „starke[n] Ausweitung der Lohnarbeit“ (ebd.: 86) und der Ablösung traditioneller Reprodukti­onsformen durch „industriell produzierte Waren und kommerzialisierte Dienste“ (ebd.), der „Verfügung über ein scheinbar unbegrenztes Reservoir an natürlichen Ressourcen“ und „schrankenlose[r] Naturausbeutung“ (ebd.: 87). Gestützt wurde die Stabilität dieses Systems durch staatliche Interventionen (Keynesianismus), z.B. durch Maßnahmen wie den US-amerikanischen New Deal und den Wohlfahrtsstaat nord­westeuropäischen Typs. (vgl. ebd.: 89) Der fordistische Staat lässt sich als Si­cherheitsstaat im doppelten Sinne beschreiben: Zum Einen als Wohlfahrtsstaat (so­ziale Sicherheit) und zum Anderen als bürokratischer Kontroll- und Über­wachungs­staat (innere Sicherheit). (vgl. ebd.) In diesem Rahmen entwickelten sich, insbeson­dere wegen der starken Ausbreitung des Lohnarbeitssystems, starke Ge­werkschaften, die in korporatistischen „sozialpartnerschaftlichen Aushand­lungs­prozesse[n]“ (ebd.: 88) Verbesserungen der Einkommens- und Arbeitsbe­dingungen der Erwerbstätigen durchsetzen konnten.
Mitte der 1970er Jahre geriet das fordistisch geprägte Wirtschaftssystem in eine Kri­se, die sich u.a. in dem Zusammenbruch des Weltwährungssystems der festen Wech­selkurse von Bretton Woods im Jahr 1973 manifestierte. Zu der Entstehung dieser Krise trugen verschiedene Faktoren bei – eine wesentliche Rolle spielte ein starker Rückgang der Kapitalrentabilität, der u.a. daraus erwuchs, dass die Produktivität nicht mehr wie zuvor gesteigert werden konnte. Dies führte zu einem Rückgang des sogenannten Wirtschaftswachstums und ließ die Finanzierung von sozialstaatlichen Umverteilungs- und Subventionsmechanismen problematisch werden. (vgl. Hirsch 2002: 94) Zu dieser Krise der Verwertung des Kapitals kam eine Krise der Hegemo­nie, also „der herrschenden gesellschaftlichen Ordnungs- und Entwicklungsvorstel­lungen“ (ebd.: 98), die etwa in Form der Neuen Sozialen Bewegungen und einem all­gemeinen Wertewandel zum Ausdruck kam. (vgl. ebd.)
Auf die diversen Krisenerscheinungen folgten – begleitet von einem Aufstieg neo­konservativer und neoliberaler Konzepte[8] – Restrukturierungsprozesse des globalen Wirtschaftssystems: Mittels einer „Liberalisierung der Waren-, Finanz- und Kapital­märkte sowie durch neue Kommunikations- und Transporttechnologien“ (ebd.: 100) konnte eine neue Form der „Internationalisierung der Produktion“ (ebd.) durchge­setzt werden, die – zumindest für eine gewisse Zeit – zu einer erneuten Steigerung der Profitrate führte. (vgl. ebd.: 99f.) Dieses neue globale Akkumulationsregime wird als Postfordismus bezeichnet. Es ist gekennzeichnet durch eine „Zersplitterung der Lohnabhängigen, eine verstärkte Arbeitsmigration, strukturelle Massenarbeitslosig­keit, eine wachsende Bedeutung dezentraler korporativer Strukturen vor allem auf Unternehmensebene sowie durch eine erhebliche Schwächung der Gewerkschaften und auch der Unternehmensverbände“ (ebd.: 103). Hinzu kommt eine weitreichende Privatisierung vormals staatlicher Unternehmen und die Konzentration von Unter­nehmen zu international vernetzten Global Players. (vgl. ebd.) Gleichzeitig begann die Erschließung neuer gesellschaftlicher Sphären für die Kapi­talverwertung, ein neuer Schub der „’inneren Landnahme’“ (Hirsch 2002: 103, vgl. Abschnitt 2.2). In diesem Zusammenhang nahm die Bedeutung von Natur und Wis­sen für den Verwertungsprozess zu. Dies lässt sich an der Einführung von Mitteln des Managements von Naturressourcen bzw. ihrer Verschmutzung über Marktmechanis­men (Zertifikate für den Ausstoß von CO2) und der Aneignung intellektuellen bzw. geistigen Eigentums ablesen. (vgl. zu Letzterem: Nuss 2006) Die sogenannten Life Sciences bzw. Life Industries wie Bio- und Gentechnik und auch die Vermarktung von Bildungsdienstleistungen spie­len in diesem Kontext eine wichtige Rolle. Durch den Abbau und die Privatisierung staatlicher Sicherungs- und Versorgungssysteme wurden der Kapitalakkumulation ebenfalls neue Bereiche eröffnet, so etwa im Be­reich der Pensionsfonds oder privater Pflege- und Versorgungsdienste. (vgl. ebd.: 104f.)

Mit der neoliberalen Umstrukturierung des globalen Wirtschaftssystems ging auch ein Umbau der Staaten und eine Veränderung der hegemonialen Politikstrategien ein­her. Hirsch charakterisiert diesen neuen Typus des Staates als „nationalen Wettbewerbsstaat“ (Hirsch 2002: 110), der zunehmend darauf abzielt, „einem global immer flexibler agierenden Kapital in Konkurrenz mit anderen Staaten günstige Verwer­tungsbedingungen zu verschaffen“ (ebd.). In diesem Rahmen wird die Bevölkerung eines Landes immer mehr als Personal verstanden:

„Die Politik nationalstaatlicher Exekutiven gegenüber der Bevölkerung wird selbst zur ‘Personalpolitik’, zum ‘Personalmanagement’, und wenn sie syste­matisch und längerfristig angelegt sein sollte, zur ‘Personalentwicklungspoli­tik’.“ (Nullmeier 2004: 497)

Entsprechend wird etwa Bildungspolitik tendenziell als „Investitionspolitik in Hu­mankapital“ (ebd.) reorganisiert und Migrationspolitik als „Personalergänzungs­poli­tik“ (ebd.). Der Staat ist dabei nicht als eine Instanz zu begreifen, die außerhalb der Ökonomie existiert, sondern ist selbst – nach wie vor – ein „integraler Bestand­teil des kapitalis­tischen Produktionsverhältnisses“ (Hirsch 2002: 125). Die Märkte und die ihnen zu­grundeliegenden Mechanismen, die der neoliberalen Logik zufolge als „universales Modell der Vergesellschaftung“ (Wolf 2010: 6) zur Vermittlung aller menschlicher Bedürfnisse etabliert werden sollen, existieren nicht jenseits von politi­scher Regulie­rung, sondern sind für ihr Funktionieren in hohem Maße auf diese angewiesen. (vgl. Hirsch 2002: 112) Insofern ist die häufig vorgenommene Kenn­zeichnung der ent­sprechenden Politikstrategien als Deregulierung irreführend. Viel­mehr stellt sie eine veränderte politische Regulierung und Intervention dar. (vgl. ebd.: 125) Vorrangiges Ziel staatlichen Handelns ist nun die „aktive Gewährleistung der globalen Konkur­renzfähigkeit ausgewählter Sektoren“ (ebd.: 113) und die Durch­setzung und Mobili­sierung von Konkurrenzverhältnissen innerhalb zuvor nicht kon­kurrenzförmig orga­nisierter Bereiche der Gesellschaft. Dies fand etwa im Bereich der Stadtentwick­lungspolitik im Konzept der unternehmerischen Stadt, die durch pu­blikumswirksame Events auf der internationalen Bühne präsentiert und profitabel vermarktet werden soll, seinen Niederschlag. (vgl. Abschnitt 3.1) Diese Ausrichtung wird dabei häufig als alternativloser Sachzwang präsentiert, was sich durch folgende Aussage auf einer aktuellen Themenseite zum Konzept der unternehmerischen Stadt auf der Homepage der Bundeszentrale für politische Bildung exemplarisch illustrie­ren lässt:

„Konfrontiert mit ökonomischen und sozialen Umbauprozessen und knappen öffentlichen Haushalten sehen sich Stadtverwaltungen zunehmend gezwun­gen, in der Hierarchie des nationalen und internationalen Städtesystems um wirtschaftlichen Erfolg zu kämpfen.“ (http://www.bpb.de/gesellschaft/staedte/ stadt-und-gesellschaft/64416/unternehmerische-stadt)

Mit der Ausweitung und Radikalisierung der Wettbewerbslogik zu einem allgemei­nen Be­schreibungsmodell menschlichen Handelns – im Sinne des Menschenbilds des Homo Oeconomicus – wurde ein zentrales Element des Neoliberalismus Chicagoer Ausprä­gung zur Grundlage politischer Programme erhoben.[9] Entsprechend waren und sind die Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen und die Flexibilisierung des Arbeits­marktes ein zentrales Ziel diverser „Reformen“ in verschiedensten Politikbereichen.

1.1.2 Ökonomisierung des Sozialen und aktivierender Sozial­staat

Vor diesem Hintergrund wird in Bezug auf die Steuerung des sozialen Bereichs der Daseinsvorsorge in den sogenannten westlichen, kapitalistisch strukturierten Natio­nen für die letzten Jahrzehnte ein Prozess der „Ökonomisierung des Sozialen“ (Bröckling et al. 2000) bzw. eine „Vermarktlichung des Sozialstaats“ (Nullmeier 2004) festgestellt. Dieser Prozess geht einher mit einem Umbau des aktiven Sozial­staats oder Wohlfahrtsstaats (welfare state) hin zu einem sogenannten aktivierenden Sozialstaat (workfare state).
Dabei kann von einem Rückzug des Staates aus der Gesellschaft keine Rede sein kann. (Hirsch 2002: 116) In diesem Sinne ist auch in erster Linie kein Abbau sondern vielmehr ein Umbau des Sozialstaats zu konstatieren: Mittels der Sozial- und Bil­dungspolitik wird „kaum mehr auf allgemeine Gleichheitsvorstellungen, sondern […] auf Privatisierung, soziale Hierarchisierung, Spaltung und Konkurrenzmobilisie­rung“ (ebd.: 126) abgezielt. Auch Lessenich (2008) weist darauf hin, dass mit dieser Politik eine Neubestimmung des „Verhältnisses von bedürftigem Einzelnen und leis­tender Allgemeinheit“ (Lessenich 2008: 90) einhergeht. Er spricht von der Entwick­lung eines „punitiven Paternalismus“ (ebd.: 94), bei dem die „regulative Diskriminie­rung und normative Diskreditierung von Nicht-Erwerbstätigkeit“ (ebd.) eine Leitvor­stellung ausmacht – eine Entwicklung mit hoher Relevanz für die Soziale Arbeit.

Vorreiter für die Durchsetzung eines auf die sogenannte Flexibilisierung des Arbeits­markts gerichteten politischen Programms war der damalige US-Präsident William ‘Bill’ Clin­ton, der 1992 mit dem Versprechen bzw. der Drohung, die bisherige Wohl­fahrtspolitik zu beenden – „to end welfare as we know it“ (zit. nach Lessenich 2008: 88) – an­trat:

„Anyone who can go to work must go to work […] [W]ork is preferable to wel­fare. And it must be enforced.“ (ebd.)

In Europa wurde diese Politiklinie in Großbritannien von dem Labour-Premierminis­ter Tony Blair und in der BRD von sozialdemokratischen Politiker_innen unter dem Label der Neuen Mitte aufgegriffen. Der Soziologe und Berater der damaligen Bun­desregierung Wolfgang Streeck sprach sich 1998 für die „Anerkennung wirtschaftli­chen Zwanges als charakterbildende Kraft“ (Streeck: 1998: 41, zit. nach Lessenich 2008: 86) aus und trug so zur Eröffnung des arbeits(markt)politischen Dis­kurses im Zeichen der Aktivierung (für den Lohnarbeitsmarkt) bei. Blair und der da­malige deutsche Bundeskanzler Schröder formulierten in dem nach ihnen benannten Papier das Modernisierungskonzept der Sozialdemokratie entsprechend:

„Moderne Sozialdemokraten wollen das Sicherheitsnetz aus Ansprüchen in ein Sprungbrett in die Eigenverantwortung umwandeln.“ (Blair/Schröder 1999: 894)

Die Sozialpolitik der BRD wurde von der rot-grünen Regierung der Jahre 1998-2005 u.a. mit den vier Gesetzen für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt (Hartz I-IV) in diesem Sinne umgebaut. Den programmatischen Hintergrund dafür bildete das Konzept der Agenda 2010. Mit ihr kam es zu einem „Paradigmenwechsel von einem ‘Sozialversi­cherungsstaat für alle’ zu einem Fürsorgestaat, der sich nur noch um die Ärmsten kümmert“ (Butterwegge 2008: 197). Damit wurde das zuvor unbedingte Bürgerrecht auf „existenzielle Grundsicherung […] zur Disposition der (Arbeits-) Auflagen durch den Staat und seine Organe gestellt“ (Trube 2006: 42, zit. nach But­terwegge 2008: 187). Der damalige sozialdemokratische Ministerpräsident des Bun­deslandes Nord­rhein-Westfalen, Peer Steinbrück, warb 2003 für eine entspre­chende Neudefinition des Konzepts der sozialen Gerechtigkeit in der Logik des aktivieren­den Sozialstaats:

„Soziale Gerechtigkeit muss künftig heißen, eine Politik für jene zu machen, die etwas für die Zukunft unseres Landes tun: die lernen und sich qualifizie­ren, die arbeiten, die Kinder bekommen und erziehen, die etwas unternehmen und Arbeitsplätze schaffen, kurzum, die Leistung für sich und unsere Gesell­schaft erbringen. Um die – und nur um sie – muss sich Politik kümmern.“ (Steinbrück 2003, zit. nach Butterwegge 2008: 158)

In Bezug auf die „Vermarktlichung des Sozialstaats“ lassen sich entsprechende Ver­änderungen auf drei Ebenen feststellen: Dies sind nach Nullmeier (2004) neben der – bereits oben angesprochenen – „externe[n] Vermarktlichung, in der die Sozialstaaten untereinander zu Wettbewerbern werden“, eine „interne Vermarktlichung von Sozial­staaten durch Schaffung von Wohlfahrtsmärkten“ und eine „subjektbezogene Ver­marktlichung, die ‘Erziehung zur Marktlichkeit'” (Nullmeier 2004: 495, Hervorhe­bungen: F.M.). Auf die beiden letztgenannten Aspekte werde ich im Folgen­den näher eingehen.

1.1.3 ‘Vermarktlichung von Sozialstaaten’

Wie oben beschrieben, sind neoliberale Politikstrategien auf das Einrichten von Kon­kurrenzverhältnissen gerichtet, um auf diese Weise Wettbewerb zu initiieren, der zu einem Überleben der am besten Angepassten (survival of the fittest) führen soll. Auf Grundlage dieser Programmatik wird seit den 1990er Jahren mit Hilfe von Reformen der Sozialgesetzgebung auch in der freien Wohlfahrtspflege das Ziel verfolgt, Kon­kurrenz zwischen den verschiedenen Trägern und sozialen Einrichtungen zu schaf­fen. Dies wurde etwa durch diverse Gesetzesänderungen vorangetrieben, mittels de­rer sogenannte Wirtschaftlichkeitsregeln (1994) und Leistungsvereinbarungen (1999) eingeführt wurden. (vgl. Buestrich/Wohlfahrt 2008) In der Sozialgesetzgebung exis­tieren seit 1999 „keine freien Träger mehr, sondern nur noch Leistungserbringer“ (ebd.). Ein zentrales Instrument, um Auftraggeber-Auftragnehmer-Beziehungen zu schaffen, stellt das Kontraktmanagement zwischen Kostenträgern und Leistungser­bringern dar, womit das Ziel verfolgt wird, „Leistungsreserven bei den Leistungser­bringern […] freizusetzen“ (ebd.) und die anfallenden Kosten zu senken. Buestrich und Wohlfahrt (2008) weisen darauf hin, dass die Gestaltung des Europäischen Rechts und die darin verankerten Prinzipien der Niederlassungs- und Dienstleis­tungsfreiheit diese Entwicklung begünstigen, indem sie dazu tendieren, „nicht zwi­schen der Produktion von Gütern und sozialen Dienstleistungen zu unterscheiden und damit auch die traditionelle Differenzierung zwischen frei-gemeinnützigen und privatgewerblichen Anbietern aufzuheben“ (ebd.). Die Einführung des sogenannten Neuen Steuerungsmodells im Laufe der 1990er Jahre, das sich an dem Modell des New Public Management orientierte, trug ebenfalls entscheidend zur Übernahme pri­vatwirtschaftlicher Managementtechniken und Durchsetzung unternehmensähnlicher Führungs- und Organisationsstrukturen im sozialen Bereich bei. Damit werden u.a. folgende Ziele verfolgt:

„Schaffung von unternehmensähnlichen, dezentralen Führungs- und Orga­ni­sationsstrukturen, die über Kontrakte gesteuert werden; Ersetzen der für Be­hörden typischen Inputsteuerung (die jährliche durch den Haushaltsplan er­folgte Zuteilung von Personal, Finanz- und Sachmitteln) durch eine outputori­entierte (ergebnisbezogene) Steuerung auf der Basis strategischer Ziele und Produktkataloge, eines Berichtswesens mit Leistungsindikatoren und vorge­gebenen Budgets auf der Basis von Vereinbarungen (Kontrakten); Aktivie­rung der Verwaltungsmitarbeiter durch die Einführung von organisationsinter­nem Wettbewerb (Quasi-Märkten) mittels Zielvereinbarungen, Kundenorien­tierung und Qualitätsmanagement.“ (ebd.)

Ein zentraler Effekt dieser Ökonomisierung des Sozialen im Sinne einer Verbetriebs­wirtschaftlichung ist eine zunehmende Preis- und Kostenkonkurrenz zwischen frei­-gemeinnützigen Trägern untereinander und neuen privatgewerblichen Anbietern. (vgl. ebd.) Dies begünstigt wiederum eine Deregulierung der Lohnarbeits(zeit)bedin­gungen, die Prekarisierung von Lohnarbeitsverhältnissen in diesen Bereichen und da­mit auch eine Veränderung der Konzepte und Inhalte, die verstärkt unter betriebswirt­schaftlichen und nicht unter fachlichen Gesichtspunkten beurteilt werden. Auf diese Weise kommt es zudem zu einer Neudefinition des Sozialen und der zunehmenden Übersetzung von sozialen in ökonomische Fragen. Krasmann (2003) formuliert wie folgt:

„Die Durchsetzung der Gesellschaft mit den Prinzipien des Marktes bedeutet nicht eine Verdrängung des Sozialen durch die Ökonomie, sondern sie führt zu einer Ökonomisierung des Sozialen, die auch die Vorstellung von Indivi­duen, den ökonomischen Subjekten prägt.“ (Krasmann 2003: 207; zit. nach Lutz 2010: 45)

Im Folgenden werde ich daher der Frage nachgehen, wie das entsprechende Men­schenbild und die hegemoniale Form der Subjektivierung in diesem Kontext aus­sehen.

1.1.4 ‘Erziehung zur Marktlichkeit': Das unternehmerische Selbst

Der neoliberale workfare- bzw. aktivierende Sozialstaat dient, so wie der fordistische welfare- bzw. aktive Sozialstaat, der „Erziehung der Arbeitskräfte“ (Kaindl 2007: 7). Im Zuge der Durchsetzung des postfordistischen Akkumulationsregimes hat sich je­doch das zugrunde liegende Menschenbild gewandelt:

„Die fordistische ‘Arbeitnehmergesellschaft’ hat sich in eine ‘Unternehmerge­sellschaft’ von Arbeitskraft- und Kleinunternehmen sowie mehr oder weniger (Schein)-Selbständigen transformiert.“ (Hirsch 2002: 187)

Forderungen wie die nach Autonomie und Selbstbestimmung, die etwa von der Alter­nativbewegung der 1980er Jahre verfolgt wurden, sind in diese Denkfigur eingegan­gen und haben zu einer Veränderung der Lohnarbeitsbedingungen beigetragen. Dabei wird der Mensch als Arbeitskraft bzw. als Arbeitskraftunternehmer in zunehmendem Maße total beansprucht, „mit [seinen] manuellen wie mit [seinen] physisch-geistigen Fähigkeiten – Kreativität, Innovations-, Anpassungs- und Kooperationsfähigkeit“ (ebd.: 105). Werte wie Selbstbestimmung oder Eigenverantwortung werden als An­forderungen an das Individuum gerichtet, während ihre „Nichterfüllung wiederum sozial geächtet und bestraft wird“ (Lessenich 2008: 96). Parallel zu diesen Verände­rungen auf der Ebene der Subjektivierung wird – von interessierten Akteur_innen – ver­sucht, die Sichtweise stark zu machen, solidarische Sozialsysteme seien zu teuer, überflüssig und sogar kontraproduktiv, da sie die Eigeninitiative der Individuen behindern würden.
Die dieser Politik zugrundeliegende gesellschaftliche Leitfigur wird begrifflich ge­fasst als Unternehmer_in der eigenen Person, als unternehmerisches Selbst, das sich selbst gestalten, innerhalb des Marktwettbewerbs autonom agieren und risikobereit auf kollektive Sicherungen verzichten soll. (vgl. Hirsch 2002: 187; Bröckling et al. 2000) Das Konzept der Ich-AG, das 2003 mit dem Zweiten Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt (Hartz II) in Kraft trat, ist ein Beispiel für die Um­setzung dieses Verständnisses in Regierungshandeln. Nach der Programmatik des ak­tivierenden Sozialstaats sollen sich alle lohnarbeitsfähigen Menschen aktiv und in­tensiviert um die Vermarktung ihrer selbst bemühen. Dieses Ziel und die Aktivie­rung der Menschen zu diesem Zweck wird mittels verschiedenster Maßnahmen, bis hin zur Androhung des Entzugs der Existenzsicherung, durchzusetzen versucht.
Aus Perspektive der auf Michel Foucaults Konzept der Gouvernementalität aufbau­enden Gouvernementalitätsstudien lässt sich das Programm der Selbstaktivierung als „Ausdruck einer neuen politischen Rationalität, als Wandel in der Programmatik und den Techniken gesellschaftlicher Regierung beschreiben und begreifen“ (Lessenich 2008: 77). Dabei wird mit einem weiten Begriff von Regierung operiert, der weitere „Prozeduren, Techniken und Methoden der Regierung […], die auf die Lenkung, Kontrolle und Leitung von Menschen“ (ebd.: 78) ausgerichtet sind, benennt.
Auch wenn im Zusammenhang der angesprochenen arbeitsmarkt- und sozialpoliti­schen Programme die Rede von Selbstverantwortung und individueller Selbstver­wirklichung weit verbreitet ist, kann angesichts der gleichzeitig installierten Zwangs- und Diszi­plinarmaßnahmen mit Candeias (2004) festgehalten werden, dass der „neo­liberale In­dividualismus […] autoritär verordnet [ist]. […] Selbstverantwortung lässt sich […] nicht erzwingen, wird damit zur bloßen Unterwerfung.“ (Candeias 2004: 595)

Soziale Arbeit, die ihre Adressat_innen nicht auf eine Existenz als sozial isolierte Un­ternehmer_innen ihrer selbst reduziert begreift und sich nicht für die Durchset­zung dieser Politik instrumentalisieren lassen will, ist herausgefordert, alternative Ansätze zu entwickeln. Solche lassen sich in der Theorie und Praxis der Gemeinwe­sen­arbeit als Arbeitsfeld bzw. -ansatz der Sozialen Arbeit finden. Hierauf werde ich nach ei­ner Bestimmung des Begriffs Gemeinwesen im Folgenden eingehen.

1.2 Begriffsbestimmung: Gemeinwesen

Der Begriff Gemeinwesen findet erst seit Beginn des 19. Jahrhunderts Verwendung; zuvor war der Begriff gemeines Wesen geläufig. Dieser ist etwa in der Oeconomischen Encyklopädie von J. G. Krünitz (OEK, entstanden zwischen 1773 und 1858) vielfach aufzufinden und wird dort als „die Verbindung einzelner Glieder oder Ge­sellschaften, ihre Wohlfahrt mit vereinigten Kräften besser zu befördern“ (OEK, Stichwort Gemeinwesen) definiert. Im Goethe-Wörterbuch (GWB), das den Sprach­gebrauch zwischen 1760 und 1830 abbildet, wird der Begriff Gemeinwesen definiert als „die bürgerliche Gemeinschaft (einer Kommune, eines Landes) und ihre Glieder, die Allgemeinheit, Öffentlichkeit“ (GWB, Stichwort Gemeinwesen). Als Synonyme werden dort die Begriffe Gemeinheit (vgl. Abschnitt 2.1) und Gesellschaft angege­ben. Im Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm (DWB) wird der
Be­griff Gemeinwesen als res publica – im Sinne von „das öffentliche Beste, gemeine Wohl, ge­meine Wesen“ (OEK, Stichwort res publica) – erklärt und in den damals ge­läufigen Varianten gelehrtes Gemeinwesen und politisches Gemeinwesen genannt. (vgl. DWB, Stichwort Gemeinwesen)
Der Terminus gemein leitet sich ursprünglich von dem lateinischen communis ab und wird im DWB definiert als „gemein ist eigentlich allgemein, was alle angeht, von allen ausgeht“ (DWB, Stichwort gemein). Es wird weiter ausgeführt, dass „begriff und wort im leben der gemeinde (im weitesten sinne), die noch davon den namen hat“ (ebd.) entwickelt wurde: „das war noch dem 16. jh. vollkommen ge­genwärtig, in leben und rede reich entwickelt und lehrreich nach vielen seiten.“ (ebd.) Für die Zeit Ende des 17. Jahrhunderts wird im DWB ein Niedergang des „hoch­wichtige[n] und edle[n] wort[es]“ (ebd.) gemein festgestellt. Das damit einher­gehende Verständnis wandelte sich derart, dass nun mit gemein zunehmend die Be­deutungen niedrig, vulgär und roh konnotiert wurden. Illich (1982) merkt zu dieser Bedeutungsverschie­bung des Begriffs gemein / Gemeinheit an:

„Was es ursprünglich meinte, ist vergessen. Nur in dieser letzteren Bedeutung hat das Wort bis in unsere Tage überlebt. In der Bedeutungsveränderung, die das Wort Gemeinheit in diesem Zeitraum erfahren hat, spiegelt sich die Um­wertung des Daseins.“ (Illich 1982: 7, Hervorhebung im Original, vgl. dazu Abschnitt 2.2)

Der Niedergang der noch bis Ende des 17. Jahrhunderts geläufigen Bedeutung „ge­mein ist eigentlich allgemein, was alle angeht, von allen ausgeht“ (DWB, Stichwort gemein) kommt auch in der Erklärung des Begriffs im aktuellen Deutschen Univer­salwörterbuch (Duden 2011) zum Ausdruck, wo als Hauptbedeutungen des Begriffes „abstoßend roh“ (ebd., Stichwort gemein), „unerfreulich“ (ebd.) und „keine besonde­ren Merkmale habend“ (ebd.) genannt werden. Die Bedeutung „auf die Allgemein­heit bezogen“ (ebd.) wird als „veraltend“ (ebd.) bezeichnet. Zur Herkunft des Be­griffs wird vermerkt, dass „der abwertende Nebensinn […] aus der Vorstellung [stammt], dass das, was vielen gemeinsam ist, nicht wertvoll sein kann“ (ebd.).

Die Verwandtschaft des Begriffs Gemeinwesen mit dem lateinischen communis und damit die Orientierung auf horizontale, kommunikative Vergesellschaftung wird in den englischen und französischen Pendants des Begriffs – community und communauté – unmittelbarer als im Deutschen deutlich. Hier changiert die Bedeutung des Begriffs Gemeinwesen im Gegensatz dazu „zwischen ‘Staat’, ‘Republik’ einerseits und deren auf Selbstvergesellschaftung zielender Infragestellung andererseits“ (Jehle 2001: 189).[10] Jehle (2001) nennt als Beispiel für die Verwendung letzterer Bedeutung des Begriffs Gemeinwesen die Auseinandersetzung von Marx und Engels mit dem sozialdemokratischen Gothaer Programm von 1875, das sie wegen seiner Obrigkeits- und Staatsfixierung kritisieren. In einem Brief an August Bebel zum Entwurf des Programms schlagen sie vor, „überall statt Staat ‘Gemeinwesen’ zu setzen, ein gutes altes deutsches Wort, das das französische ‘Kommune’ sehr gut vertreten kann“ (Engels an Bebel, 18./28. März 1875, zit. nach Jehle 2001: 189). Darin kommt ein staats­kritischer Begriff des Gemeinwesens zum Ausdruck, der mit der Praxis der Pa­riser Kommune von 1871 als „Selbstregierung der Produzenten“ (Marx 1871, zit. nach Jehle 2001: 189) verbunden wird.
Auf das von Marx begründete Verständnis des Begriffs Gemeinwesen haben sich im Folgenden auch verschiedene Theoretiker_innen der Gemeinwesenarbeit wie bspw. Boulet et al. (1980) und Elsen (1997) bezogen. Im Kontext seiner Kritik der durch die Durchsetzung der kapitalistischen Wirtschaftsweise und der Lohnarbeit hervorge­rufenen Entfremdung des Menschen unterscheidet Marx (1844) ein inneres Gemein­wesen von dem politischen, äußeren Gemeinwesen. Er kritisiert die Entfremdung des Menschen von seinem „wahren Gemeinwesen“, seinem (all-)gemeinen menschlichen Wesen, der „Vielfalt gemeinsamer und zutiefst grundsätzlicher Lebensbedürfnisse” (Hummel 1978: 34ff., zit. nach Boulet et al. 1980: 156), der „Gesamtheit der Poten­ziale und Äußerungsformen des menschlichen Wesens“ (Elsen 2007):

„Das Gemeinwesen aber, von welchem der Arbeiter isoliert ist, ist ein Ge­meinwesen von ganz andrer Realität und ganz andrem Umfang als das politi­sche Gemeinwesen. Dies Gemeinwesen, von welchem ihn seine eigene Ar­beit trennt, ist das Leben selbst, das physische und geistige Leben, die menschliche Sittlichkeit, die menschliche Tätigkeit, der menschliche Genuß, das menschliche Wesen. Das menschliche Wesen ist das wahre Gemeinwesen der Menschen. Wie die heillose Isolierung von diesem Wesen unverhältnis­mäßig allseitiger, unerträglicher, fürchterlicher, widerspruchsvoller ist als die Isolierung vom politischen Gemeinwesen, so ist auch die Aufhebung dieser Isolierung und selbst eine partielle Reaktion, ein Aufstand gegen dieselbe um so viel unendlicher, wie der Mensch unendlicher ist als der Staatsbürger, und das menschliche Leben als das politische Leben.“ (Marx 1844: 408, Hervor­hebungen im Original).

In diesem Verständnis von Gemeinwesen wird die dialektische Beziehung zwischen innerem und äußerem Gemeinwesen, zwischen (individuellen) menschlichen Bedürf­nissen und Interessen einerseits und den gesellschaftlichen Bedingungen für ihre Verwirklichung andererseits deutlich. (vgl. Wieczorek 2005: 68f.) Als Aufgabe von Ge­meinwesenarbeit bestimmen Boulet et al. (1980) darauf aufbauend die Förderung der Emanzipation des Gemeinwesens, näher bestimmt als „prozeßhafte Entwicklung zu einem Zustand, bei dem zunehmendes Bewußtsein über die eigene Lage das Han­deln ungebrochener zu leiten vermag und sich insbesondere durch immer umfassen­dere Teilnahme (Partizipation) am Leben des Gemeinwesens und an den Entscheidungsstrukturen, die dieses Leben bedingen, auszeichnet. Hierbei stehen Emanzi­pation und Partizipation notwendigerweise in einem dialektischen Wechselverhältnis, indem sie sich gegenseitig voraussetzen und hervorrufen“ (Boulet et al. 1980: 289).
Der Terminus Gemeinwesen ist demnach nicht auf eine rein räumliche Dimension re­duziert zu begreifen, sondern bezieht sich ebenfalls auf das Handeln der Menschen in ihrem Lebensumfeld und ihre „Lebensverhältnisse, Lebensformen und -zusammenhänge“ (Oelschlägel 2001: 653). Diese Zusammenhänge sind als je konkret histo­risch, politisch und gesellschaftlich bedingt zu verstehen und können zum Ausgangs­punkt „bewußter kollektiver Bestimmung und Veränderung [der] Lebensbedingungen“ (Boulet et al. 1980: 203) werden. Inwiefern Gemeinwesenarbeit zu Letzterem beitragen kann, werde ich im weiteren Verlauf beleuchten.

1.3 Zur Geschichte der Gemeinwesenarbeit

Die Wurzeln der Sozialarbeit – im engeren Sinne verstanden als Armen- und Wohl­fahrtspflege – liegen nach C.W. Müller (2006) in den ab dem 16. Jahrhundert eta­blierten Zucht- und Arbeitshäusern, in denen Arme, d.h. Menschen, die sich nicht selbst erhalten konnten, zur Arbeit erzogen werden sollten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die geschlossene Form der Armenhilfe durch das System der offenen Armenpflege ersetzt, bei der ehrenamtlich tätige Armen- bzw. Wohlfahrts­pfleger_innen für eine bestimmte Anzahl von Familien verantwortlich waren und bei der kommunalen Verwaltung Unterstützung beantragten, wenn ihnen dies gerechtfer­tigt schien. Dieses System der Armenfürsorge wurde als Elberfelder System bekannt. Es ging jedoch wie die vorigen mit dem Ausblenden der Rolle der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen bei der Entstehung von Armut und individueller Hilfebedürftig­keit einher und beschränkte sich auf „individualisierende karitative Hilfeleistung“ (May 2001: 202). (vgl. Müller 2006: 18ff., 36)

Als Beginn der Geschichte einer Praxis Sozialer Arbeit, die ihren Fokus nicht in ers­ter Linie auf einzelne Individuen, sondern auf die Lebensbedingungen der Menschen in den jeweiligen Gemeinwesen in ihrem Wechselverhältnis zu den einzelnen Indivi­duen legte, wird gemeinhin die Settlement-Bewegung (settlement ~ Nachbarschafts­häuser) in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts genannt, auf die ich weiter unten eingehen werde. Boulet et al. (1980) führen in ihrer Darstellung der Geschichte der Gemeinwesenarbeit verschiedene geschichtliche Vorläufer an, die sich als soziale Be­wegungen konstituierten und Aktionsformen hervorbrachten, die im weiteren ge­schichtlichen Verlauf in die Gemeinwesenarbeit aufgenommen wur­den. Auf diese werde ich zunächst kurz eingehen.

Vorläufer der Gemeinwesenarbeit
Als einen Vorläufer der Gemeinwesenarbeit nennen Boulet et al. (1980) den schotti­schen Baumwoll­fabrikanten Robert Owen (1771-1858), der 1825 in der von ihm ge­kauften Stadt Harmony (Indiana, USA) die Produktionsgenossenschaft New Harm­ony aufbaute, welche auf der in den Kolonien verbreiteten religiös bzw. früh­so­zialis­tisch begründe­ten Nachbarschafts-Ethik basierte. (vgl. Gehrig 2011a, 2011b)[11] Die längerfristige Umsetzung dieses Projekts scheiterte zwar, es wirkte jedoch inspi­rie­rend auf die Gewerkschafts- und die Genos­senschaftsbewegung. Als eine der ers­ten Genossenschaften unter den Bedingungen des wachsenden Kapitalismus gilt die 1844 von Webern in Rochdale (Nordwesteng­land) als Gesellschaft der redlichen Pioniere gegründete Konsum- und Spargenos­senschaft. Weitere Arten von Genossen­schaften, die im 19. Jahrhundert gegründet wurden, waren Wohnungs-, Handwerks-, Produktivgenossenschaften, landwirtschaft­liche Genossenschaften und Genossen­schaftsbanken.[12] (vgl. Engelmann 2011) Diese Ansätze der Institutionalisierung von (Arbeiter_innen-)Selbsthilfe können als ge­schichtliche Vorläufer der Gemeinwesen­arbeit begriffen werden. (vgl. Boulet et al. 1980: 11f.; May 2001: 201)

Community Organization
Mit dem Aufkommen der Settlement-Bewegung in der zweiten Hälfte des 19. Jahr­hunderts entwickelte sich ein Arbeitsansatz, der als grundlegend für die Entwicklung der Gemeinwesenarbeit gilt: die Community Organization bzw. das Commu­nity Or­ganizing.[13] Die Settlement-Bewegung nahm ihren Anfang vor dem Hinter­grund der sozialen Auswirkungen der industriellen Revolution in England – weit ver­breitete Armut, Entwicklung von Elendsvierteln – und wurde kurz darauf auch in den USA aufgegriffen. Dabei zogen humanistisch orientierte junge Akademiker_innen und Studierende in die Armenviertel Londons, lebten dort mit den Menschen und gründe­ten Gemeinwesenzentren bzw. Nachbarschaftshäuser, wie z.B. die 1884 in London ge­gründete Toynbee Hall. Ihr Ziel war es, den benachteiligten Bewohner_innen der Viertel ohne Bevormundung Wege zur Selbsthilfe nahezubringen, Bildung zu vermit­teln und eine Versöhnung der Klassen herbeizuführen. (vgl. Oelschlägel 2001: 655 und Boulet et al. 1980: 24ff.) Es ging dabei nicht um individualisierte Hilfe für ein­zelne Personen, sondern um eine Veränderung der Lebensbedingungen im Nahraum und den Aufbau von sozialen Netzwerken zur Verbesserung der materiellen und so­zialen Infrastruktur.
Wie Soziale Arbeit wirkungsvoll in Wirtschaft und Gesellschaft intervenieren und Einfluss auf ihre Gestaltung nehmen kann, wird am Beispiel des 1889 von Jane Ad­dams, Ellen Gates Starr und anderen Frauen in Chicago gegründeten Settlements Hull House deutlich. Die Stadt war im Zeichen der Industrialisierung seit ihrer Grün­dung 1833 rasant gewachsen und zur Zeit der Gründung des Hull House von extre­mer sozialer Ungleichheit geprägt. Die Arbeiter_innen lebten und lohnarbeiteten un­ter desolaten Bedingungen, was den Ausgangspunkt des fürsorgerischen, sozial- und erwachsenenpädagogischen, sozial- und gewerkschaftspolitischen Wirkens der Akti­vist_innen des Hull House darstellte. Vor dem Hintergrund der beschriebenen gesellschaftlichen Verhältnisse und ihrer polit-ökonomischen Kritik war das übergeordnete Ziel der Arbeit im Settlement die Verwirklichung von Demokratie in einem umfas­senden Sinne, verstanden als Organisationsweise aller Bereiche der Gesellschaft, also auch der Wirtschaft. (vgl. Elsen 2011a: 33) Dabei wurden Methoden der empirischen Sozialforschung und Sozialberichterstattung entwickelt und Social Welfare Councils eingerichtet, die im Folgenden weitere Verbreitung fanden. (vgl. May 2001: 202) Das Settlement wirkte dabei als „Kristallisationspunkt und Innovationszentrum in und aus [den] lebensweltlichen Zusammenhängen in denen es verankert war“ (Elsen 2011a: 23) und ein breites Spektrum an politischen Aktivitäten ging von den im Hull House Aktiven aus:

„Die Interventionen in die Ursachenzusammenhänge gesellschaftlicher Pro­bleme reichten konsequent in den wirtschaftlichen und politischen Sektor. Sie umfassten Ansätze der sozialkulturellen und sozialpolitischen Zivilisierung des Kapitalismus auf der Basis von Untersuchungen der Lebens- und Arbeits­bedingungen sowie der sozialen, gesundheitlichen, kulturellen und ökologi­schen Folgen industrieller Produktion, den Aufbau und die Stärkung gewerk­schaftlicher Aktivitäten gegen Ausbeutung und Abhängigkeit, die Gründung von Arbeitsbeschaffungsbüros und Beschäftigungsinitiativen, den Aufbau öf­fentlicher Infrastruktur, die korrigierende und kontrollierende Einflussnahme in der Abfall- und Wohnungswirtschaft, die Dokumentation und Bekämpfung ökologischer Schäden, die Einführung begrenzender Arbeitsschutzgesetze, den Aufbau von Sozial-, Bildungs- und Kultureinrichtungen für die arbeiten­de Bevölkerung und die Gründung von Unternehmen der Gemeinwesenöko­nomie.“ (Elsen 2011a: 23f.)

Das Ende des 19. Jahrhunderts stellte eine Hochphase der Gründung von Genossen­schaften dar. Diese gingen in hohem Maße auch von Settlements in den USA und Eu­ropa aus. So gründeten Jane Addams und Florence Kelley 1892 in Zusammenarbeit mit der Frauengewerkschaftsbewegung eine Wohnungsgenossenschaft für junge Ar­beiterinnen. Es folgte der Aufbau genossenschaftlicher Sozialhilfesysteme, Konsum­genossenschaften (z.B. eine kooperative Apotheke) und Sparkassen (vgl. ebd.: 38). Auch das Hull House selbst und seine einzelnen Bereiche, wie die Volksküche und die Kaffeestube als offener Treffpunkt, Ateliers und Werkstätten, waren kollektiv or­ganisiert. 1900 wurde das Hull House Arbeits-Museum mit Bildungsangeboten und offenen Werkstätten eröffnet, in denen Kunsthandwerk und Textilien produziert wur­den, welche vor Ort verkauft wurden. Diese Institution wurde als Einrichtung der Ar­beiter_innenbildung von dem US-amerikanischen Pädagogen und Philosophen John Dewey (1859-1952) mitgestaltet, der zeitweise in Hull House lebte und von 1889 bis 1904 an der Universität von Chicago Erziehungswissenschaft lehrte. (vgl. ebd.: 41 und Müller 2006: 48) Deweys demokratisches Bildungsverständnis, nach dem Erzie­hung einen (wechselseitigen) Prozess darstellt, durch den Menschen lernen, aktiv an der jeweiligen Gesellschaft teilzuhaben, war ein wichtiger Bezugspunkt für die im Hull House Tätigen. Jane Addams fasste ihr Verständnis lebenslangen Lernens in der Formel „education by current event“ und begriff Bildung in einer Demokratie als das Ergebnis initiativen Handelns und die Interpretation einer Gegebenheit durch die Gruppe als gemeinsamen Bildungsprozess. (vgl. Elsen 1997: 81) Im Hull House wur­de so ein „Konzept der Verbesserung von Lebens- und Arbeitsbedingungen durch tä­tige und häufig auch aggressive Selbsthilfe und Selbstorganisation im Stadtteil und am Arbeitsplatz“ (Müller 2006: 50) und damit die „Grundzüge einer ‘sozialräumli­chen’ Sozialarbeit“ (ebd.) entwickelt.

Im Chicago der 1930er Jahre begann Saul Alinsky (1909-1972) neue Methoden des Community Organizing auszuarbeiten, die in gewerkschaftlicher Tradition standen. Sein Ansatz basierte auf der Analyse der spezifischen gesellschaftlichen Ungleich­verteilung von Macht in kapitalistisch verfassten Gesellschaften. (vgl. Müller 2006: 214 ff.) Um eine Kräfteverschiebung und eine Umverteilung von Macht erreichen zu können, müssten sich die Benachteiligten (die have-nots) organisieren und gemein­sam Druck ausüben. Um dies zu realisieren, legte Alinsky seinen Fokus auf den Auf­bau bzw. das Organisieren von Community Organizations, denen es um die Beseiti­gung von Missständen bzw. um eine Ausweitung der Kontrolle über ihre Lebensver­hältnisse geht. Sie wurden von ihm als Konfliktgruppen konzipiert, die „auf der Ba­sis eines ungefähren Konsens ein Programm und Strategien zu dessen Umsetzung entwickel[n]“ (Hinte/Karas 1998: 20), womit der Status Quo und die ihm zu­grunde liegenden Machtverhältnisse in Frage gestellt werden können. Die Entwick­lung der Beteiligten innerhalb einer organisierten Community beschreibt Alinsky da­bei als gegenseitigen Lernprozess:

„In einer Bürger-Organisation [community organization, F.M.] ist Volksbil­dung ein aufregender und dramatischer Prozeß. Statt distanziert und akade­misch zu sein, wird Bildung zu einem direkten und unmittelbaren Teil des persönlichen Lebens, der Erfahrungen und des Handelns von Menschen.“ (Alinsky 1984: 108, zit. nach Wieczorek 2005: 60)

Ein zentraler Ausgangspunkt für das Organisieren nach Alinsky ist das Leben der Be­völkerung vor Ort und nicht ein von externen Expert_innen diagnostiziertes Defizit. Die Aufgabe der Community Organizer besteht nach Alinsky darin, die Bevölkerung dabei zu unterstützen, aus den vorgefundenen und artikulierten Problemlagen ein Programm und eine Strategie zu entwickeln, welche im Weiteren die Grundlage der Organisation bilden. Die organisierende Person wird dabei nicht als unparteiische au­ßenstehende Person, sondern grundsätzlich sowohl als Katalysator von Positionen und Wünschen als auch als Mitstreiter_in verstanden. Alinsky bezeichnet sie auch als Praxisberater. 1940 gründete er die Industrial Areas Foundation, deren Ziel es war, die Gründung und den Aufbau von Community Organizations durch die Ausbildung von professionellen Community Organizers zu unterstützen. Die von Alinsky formu­lierten Methoden wurden auch von der Bürgerrechts-Bewegung in den USA aufge­griffen.
Maurice Hamington (2010) weist darauf hin, dass Addams und Alinsky und die von ihnen geprägten bzw. mit ihnen verbundenen Ansätze des Community Organizing, trotz gewisser Unterschiede auch viele Gemeinsamkeiten haben. So wird etwa bei beiden davon ausgegangen, dass gegenwärtige Bedürfnisse und Probleme aus dem Gemeinwesen heraus artikuliert werden müssen. Sowohl Addams als auch Alinsky verfolgten das Ziel, den Entrechteten eine Stimme zu geben und setzten sich für die Ermöglichung aktiver Teilhabe der Mitglieder des Gemeinwesens an Veränderungen und somit einer Demokratisierung der Gesellschaft ein. (vgl. Hamington 2010)

Im Deutschen Reich wurden im Kontext der Volksbildungsvereine und der Universi­tätenausdehnungsbewegung vergleichbare Einrichtungen etabliert, so etwa das 1901 von Walter Claasen ins Leben gerufene Volksheim Hamburg und die Soziale Arbeitsgemeinschaft Berlin Ost (SAG-OST). Im Jahr 1925 wurde die Deutsche Vereinigung der Nachbarschaftssiedlungen begründet, für die Bildungsarbeit ein prägender Ar­beitszweig war. (vgl. Oelschlägel 2001: 655 und Boulet et al. 1980: 35ff.) Auch die wäh­rend der Weimarer Republik aktive Internationale Arbeiterhilfe (IAH), die sich als Selbsthilfeverein verstand, „bis zu Ortsvereinen durchstrukturiert [war] und […] Be­triebszellen, Gewerkschaftsgruppen, Arbeitervereine, Wohnquartiere, usw. [umfasste]“ (Boulet et al. 1980: 39f.), war in ihrer Arbeit auf Siedlungen und Wohnungs­quartiere ausgerichtet. Sie organisierte Speisestellen für Bedürftige, unterstützt­e zwangsgeräumte Mieter_innen und wirkte bei der Bildung von Assoziationen wie etwa Mieter_innenausschüssen mit. (vgl. May 2001: 203)

Dass die Orientierung auf das Gemeinwesen jedoch keineswegs per se als fortschritt­lich zu verstehen ist, wird an der Praxis der NSDAP im Deutschen Reich deutlich. Sie bediente sich zur Verbreitung und Durchsetzung der Ideologie der Volksgemein­schaft mit dem System von Block (bestand aus 40-60 Haushalten) und Zelle (bestand aus 4-8 Blöcken) auch Ansätzen der Gemeinwesenorientierung. Dabei wurden „terri­toriale Gemeinwesen kleinster Einheit“ (Boulet et al. 1980: 41) geschaffen, die zur Indoktrination und Kontrolle der Bevölkerung dienten. Ihnen standen Block- und Zellenleiter_innen bzw. Blockwalter_innen vor, die – laut den Richtlinien der NSDAP – als „Mittler […] zwischen den Volksgenossen verschiedener sozialer Schich­tung“ (Schubert, 1977: 237, zit. nach Boulet et al. 1980: 41) zur Gleichschal­tung der Menschen dienen sollten. Mit Boulet et al. (1980) kann unterstrichen werden, dass an diesem Kapitel der Geschichte die Möglichkeiten der „Perversion von Gemeinwesenorientierung“ (Boulet et al. 1980: 42) deutlich werden.

1.4 Entwicklung in der BRD

In der Auseinandersetzung mit Gemeinwesenarbeit in der Nachkriegszeit wurde kaum an die (wenigen) Vorläufer aus Zeiten der Weimarer Republik angeknüpft, son­dern in erster Linie an US-amerikanische Methoden der „Gemeinschaftshilfe“ (wie das US-amerikanische Konzept der Community Organization übersetzt wurde), die im Zuge des Reeducation-Programmes an Schulen für Sozialarbeit gelehrt wurden. Damit wurde zunächst ein „harmonistisches Gesellschaftsverständnis übernommen, das Widersprüche und gesellschaftliche Konflikte weitgehend ausklammerte“ (Oel­schlägel 2001: 656). So ging es denn auch in der konkreten Praxis der Gemeinwesen­arbeit in den 1950er Jahren nicht in erster Linie um die Mobilisierung der eigenen Kräfte der Adressat_innen zur Verbesserung ihrer Lebenssituation, sondern in der Hauptsache um karitative Hilfe unter Anwendung von Methoden der Gruppenpäd­agogik. (vgl. Boulet et al. 1980: 50 und Müller 2006: 203)
In den 1960er Jahren begann in der BRD eine „unsicher tastende Rezeption“ (Müller 2006: 204) von Gemeinwesenarbeit, an der u.a. der Verband Deutscher Nachbar­schaftsheime beteiligt war. (vgl. ebd.: 208ff.) Der Ansatz der Gemeinwesenarbeit wurde in dieser Zeit zudem attraktiv, da von Seiten der in der Sozialen Arbeit Tätigen ein Bedarf nach neuen professionellen Strategien entstand, die es ihnen ermöglich­ten, einen Umgang mit der erhöhten Leistungsnachfrage einerseits und den zuneh­menden Leistungsdefiziten sozialer Dienste andererseits zu finden. (vgl. Oelschlägel 2001: 656) Eine wichtige Rolle für die Entwicklung der Gemeinwesenarbeit Ende der 1960er Jahre spielte weiterhin die Selbstorganisation der in der Sozialen Arbeit Tätigen in Initiativausschüssen und Fachgruppen. Auch die Gründung lokaler Ar­beitskreise Kri­tischer Sozialarbeiter (AKS) fiel in diese Zeit. (vgl. Oy 2007)
Ab der zweiten Hälfte der 1960er Jahre wurden vermehrt praktische GWA-Projekte gegründet, etwa in der Arbeit mit Obdachlosen, im Bereich des sozialen Wohnungs­baus (Trabantenstädte) und in innerstädtischen Sanierungsgebieten. Die Praktiker_in­nen legten ihrem Handeln jedoch unterschiedliche Strategien zugrunde, wie 1971 eine Untersuchung der Victor-Gollancz-Stiftung zeigte: Einige Projekte arbeiteten im Rahmen der „Rationalisierungstendenzen der kommunalen Sozialverwaltungen“ (Ar­beitsgruppe Gemeinwesenarbeit 1972: 38, zit. nach Müller 2006: 225), andere entwi­ckelten im Sinne einer radikaldemokratischen Tradition von GWA Mitbestimmungs­konzepte in Bezug auf die kommunalpolitische Planung. Eine Minderheit der unter­suchten Projekte ging einen Schritt weiter und war konfliktbereit in Bezug auf die „Veröffentlichung (kommunal-)politischer Auseinandersetzungen, die sonst hinter verschlossenen Türen stattfinden und deren Ergebnis den Betroffenen als Verwal­tungsmaßnahme präsentiert“ (ebd.) wurde. Daran waren auch viele politisch aktive Studierende beteiligt, die ihrer Arbeit die sogenannte Randgruppenstrategie zugrunde legten. (vgl. Penke 2009: 193)

Die in den 1960er und 70er Jahren entstandenen Ansätze von Gemeinwesenarbeit sollen im Folgenden nach Hinte und Karas (1998) systematisiert werden, wobei je­doch nicht davon ausgegangen werden darf, dass die unterschiedlichen Ansätze stets scharf voneinander zu trennen wären.
Der wohlfahrtsstaatliche Ansatz von Gemeinwesenarbeit geht vom „Postulat chan­cengleicher demokratischer Gesellschaften in westlichen Industrienationen“ (Boulet et al. 1980: 6) aus und ist vor diesem Hintergrund auf eine Verbesserung der Dienstleistungsangebote im Gemeinwesen ausgerichtet. Die jeweiligen Lebensbedingungen werden dabei als unveränderbar begriffen und eine Auseinandersetzung mit Fragen von Macht, Herrschaft und politischer Beteiligung findet im Rahmen dieses Ansatzes von Gemeinwesenarbeit nicht statt. (vgl. Hinte/Karas 1998: 14)

In den 1970er Jahren erfuhr der integrative Ansatz von Gemeinwesenarbeit, als des­sen theoretischer Hauptvertreter Murray G. Ross (1910-2000) gilt, insbesondere in der hochschulischen Lehre eine große Verbreitung. Nach Hinte und Karas (1998) ent­wirft er ein Konzept von Gemeinwesenarbeit, das auf die „harmonische Anpassung vorhandener Interessen an ein abstraktes Gemeinwohl“ (Hinte/Karas 1998: 15) aus­gerichtet ist. Spannungen und Konflikte gelte es in „produktive Kanäle“ (Ross 1971, zit. nach Hinte/Karas 1998: 17) zu lenken und durch Diskussion und Kooperation zu schlichten bzw. aufzulösen. Partizipation der Bürger_innen bedeutet dabei jedoch nicht die Teilnahme an Entscheidungsprozessen als gleichberechtigte Partner_innen, sondern nur die Beteiligung „an der Durchsetzung und Verwirklichung bereits getrof­fener Entscheidungen“ (Hinte/Karas 1998: 17).

Aus Kritik an den beiden zuvor skizzierten Ansätzen der Gemeinwesenarbeit und ih­ren auf eine Harmonisierung sozialer Widersprüche gerichteten Zügen, wurde zu Be­ginn der 1970er Jahre von C.W. Müller und anderen der auf einer materialisti­schen Klassenanalyse basierende und auf die Organisierung der Arbeiterklasse ab­zielende Ansatz der aggressiven bzw. konfliktorientierten Gemeinwesenarbeit entwi­ckelt. Mit ihm sollte eine „Veränderung von Kräfte-Verhältnissen und Macht-Strukturen inner­halb eines Wohnquartiers durch solidarischen Zusammenschluss von Min­derheiten“ (Müller 1971, zit. nach Hinte/Karas 1998: 18) und letztlich eine „Revolu­tion von un­ten“ (ebd.) befördert werden. Ein Bezugspunkt waren dabei die von der schwarzen Bürgerrechts­bewegung in den USA angewandten Aktions- bzw. Inter­ventionsfor­men des zivilen Ungehorsams.[14] Auf die Konzeption aggressi­ver bzw. kon­fliktorientierter und auf die Veränderung der Lebensbedingungen ge­richteter An­sätze von Gemeinwesenarbeit hatten die Schriften und die seit den 1930er Jahren in den USA entwickelte Praxis des oben angesprochenen Community Organizing nach Saul Alinsky einen großen Einfluss. Als Defizit der Theorie ag­gressiver Gemeinwesenarb­eit beschreiben Hinte und Karas (1998) jedoch eine „rela­tiv unzureichende Praxisan­bindung“ (Hinte/Karas 1998: 18f.) und eine Unterschät­zung der weiten Ver­breitung von politischer Apathie in der Bevölkerung, die sich nicht so ohne weiteres mobili­sieren ließ.

Ebenfalls in den 1970er Jahren erhielt der sogenannte katalytische bzw. katalytisch­-aktivierende Ansatz Bedeu­tung in Theorie und Praxis der Gemeinwesenarbeit. (vgl. Hinte/Karas 1998: 23) Da­bei wird davon ausgegangen, dass nachhaltige gesellschaft­liche Veränderungen nur von den Menschen (in einem Gemeinwesen) selbst durchge­setzt und erreicht werden können. Um dies zu befördern, ist es nach diesem Ansatz Aufgabe der Ge­meinwesenarbeit, Orte für ‘Hilfe zur Selbsthilfe’ zu initiieren, um den Bewohner_in­nen eines Gemeinwesens Erfahrungen mit selbstbestimmtem Handeln zu ermögli­chen, die sie dann dazu ermutigen bzw. veranlassen können, weitergehen­de „politi­sche Partizipati­onsbedürfnisse anzumelden und dafür zu kämpfen“ (ebd.: 25). Insofern ist dieser An­satz als anti-paternalistisch zu bezeichnen. Ähnlich des Community Organizing­-Ansatzes setzt (politisch) aktivierende Gemeinwesenarbeit sowohl bei den Bewoh­ner_innen des Gemeinwesens und den von ihnen artikulierten Problemen und Inter­essen an, als auch „bei den Verhältnissen […], da eine Auflösung autoritärer Charak­terstrukturen bei Menschen einhergehen muß mit der Veränderung der Bedin­gungen, die diese Menschen produzieren“ (ebd.: 26). Die staatliche Repres­sion, mit der in den 1970er Jahren (auch auf politisch agierende Gruppen von Be­wohner_in­nen und Ge­meinwesenarbeiter_innen) reagiert wurde, machte jedoch auch die Her­ausforderungen deutlich, die Soziale Arbeit mit dem Anspruch der Verände­rung von Machtverhältnissen unter gegebenen Bedingungen mit sich bringen kann. (vgl. Bou­let et al. 1980: 50f.) In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre kam es vor dem Hinter­grund der Wirtschaftskrise, „nachlassende[r] Experimentierfreude von Ge­meinden und Verbänden, Berufsverboten und Einschränkungen im Sozial- und Bil­dungsbereich“ (Müller 2006: 229) zu einem Rückgang praktischer Projekte der Ge­meinwesenarbeit.
Eine wichtige Forschungsstrategie im Rahmen des aktivierenden Ansatzes von Ge­meinwesenarbeit, die auch im weiteren Verlauf relevant blieb, stellt die Aktivierende Befragung dar. Sie stammt aus der Aktionsforschung (action research) nach Kurt Le­win und dient dazu, die Sichtweisen, Interessen und Bedürfnisse der in einem be­stimmten Gebiet lebenden Menschen zu erfragen. Dabei werden die Befragten je­doch nicht als Objekte der Forschung, sondern als Beteiligte betrachtet, so dass da­von ausgegangen werden kann, dass bereits die Erhebung selbst zu Bildungsprozes­sen führt. (vgl. Stoik 2009) Die Ergebnisse der Befragung und Perspektiven der wei­teren Bearbeitung werden den Befragten im Rahmen einer Versammlung präsentiert und können so einen Ausgangspunkt für weitere Schritte der Veränderung darstellen. (vgl. Hinte/Karas 1998: 42ff.; Stoik 2009)

In den 1980er und 90er Jahren kam es vor dem Hintergrund der eingangs beschriebe­nen polit-ökonomischen Entwicklungen im Zuge einer Neuordnung der Sozialen Dienste zu einem Bedeutungszuwachs der Kommunen bezüglich der Verantwortung für das Erbringen von sozialen Dienstleistungen. In diesem Kontext geriet auch der lokale Raum und weitere zentrale Prinzipien von Gemeinwesenarbeit, wie die lokale Orientierung und die Koordination, Vernetzung und Aktivierung von Betroffe­nen, zunehmend in den Fokus von Theoriediskussionen der Sozialen Arbeit. (vgl. Oel­schlägel 2001: 657) Das (zunächst) „Spezifische der Gemeinwesenarbeit“ wurde so zunehmend „zum Allgemeinen der Sozialen Arbeit“ (Gillich 2004, zit. nach Kessl (2005)). Diese Entwicklung spiegelt sich etwa im Konzept der Stadtteilbezogenen Sozialen Arbeit bzw. des Dialogmanagements, das seit Anfang der 1980er Jahre von Wolfgang Hinte et al. ausgearbeitet wurde und mittlerweile in das Konzept des Stadtteilmana­gements eingemeindet wurde.[15] (vgl. Kessl 2005) Stadtteilbezogene Soziale Arbeit wird dabei als „intermediäre Instanz“ mit Scharnierfunktion zwischen Bürger_innen und Verwaltung konzipiert, die im Stadtteil eine Moderationsfunktion übernehmen soll, dabei von den „Wünsche[n] und Interessen der Betroffenen“ (Oel­schlägel 2001: 657) ausgeht und auf die „Einflussnahme auf das öffentliche poli­tische Leben im Stadtteil, in der Gesamtstadt und gegebenenfalls in der Region“ (ebd.) gerichtet ist. „Verwaltungen [werden dabei] nicht prinzipiell als Gegner, son­dern bis zum Beweis des Gegenteils als Bündnispartner“ (ebd.) verstanden. (vgl. Hinte 1997: 288ff.) Es lassen sich deutliche Parallelen zwischen dem Ansatz von Ge­meinwesenarbeit als Dialogmanagement und der Community Organization (in Ge­stalt der um die Jahrhundertwende in den USA gegründeten Social Welfare Councils) feststellen, wenn als Auftrag der Gemeinwesenarbeit bestimmt wird, „sowohl auf Stadtteilebene als auch auf Verwaltungsebene vorhandene Ressourcen zu akquirie­ren, zu bündeln, abzurufen, aber auch neue einzuklagen oder zu entwickeln und Geldströme in solche Stadtteile zu lenken, die zu verslumen drohen oder ausgegrenzt werden“ (Hinte 1994: 81, zit. nach Richter 1998: 193). Als Aufgabe der Gemeinwe­senarbeit wird dabei die Vermittlung zwischen und „’wechselseitige Aufklärung’ (Hinte 1994: 80) des Systems über die Lebenswelt und der Lebenswelt über das Sys­tem und zwar vermittelt durch das Dialogmanagement ‘intermediärer’ professioneller GemeinwesenarbeiterInnen“ (Richter 1998: 194) definiert. Richter (1998) stellt je­doch in Frage, inwiefern eine derart vermittelnde Person vor dem Hintergrund „feh­lender sozialer Integration der Lebenswelt und […] monetärer Engpässe des Systems noch beidseitige Akzeptanz finden“ (ebd.) könne.

Die Ausrichtung der Sozialen Arbeit insgesamt auf das Lokale und lokale Gemein­wesen wird in der fachlichen Debatte seit den 1990er Jahren begrifflich zunehmend als Orientie­rung auf den Sozialraum bzw. als sozialräumliche Orientierung artiku­liert. Kessl/Reutlinger (2007) konstatieren etwa eine „sozialraumorientierte Neujus­tierung“ (Kessl/Reutlinger 2007: 39) der Sozialen Arbeit. Sozialraum wird dabei nicht einfach als physische Realität verstanden, sondern als von Menschen durch In­teraktionen, Beziehungen und soziale Verhätnisse konstituiert. (vgl. Abschnitt 3.3) Dabei werden Bezüge zu den Debatten um Gemeinwesen und Gemeinwe­senarbeit in den 1960er- und 1970er-Jahren deutlich. (vgl. Deinet/Krisch 2005: 313)
Auch neueren Stadtentwicklungsprogrammen wie dem im Jahr 2000 verabschiedeten Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“ liegt eine starke Orientierung auf den Sozi­alraum zugrunde. Die Fokussierung von Regierungshandeln auf einzelne oder be­stimmte Sozialräume führt jedoch zu widersprüchlichen Konstellationen zwischen Verein­nahmung und Instrumentalisierung von Gemeinwesenarbeit bzw. sozialräum­lich orientierter Sozialer Arbeit. Als problematisch ist in diesem Kontext etwa zu werten, wenn tendenziell eine Umdefinition gesamtgesellschaftlicher Probleme zu räumlichen Problemen stattfindet, wenn „Erwerbslosigkeit, Armut oder fehlende Bil­dungsmöglichkeiten […] zu Problemen so genannter benachteiligter Bevölkerungs­gruppen in bestimmten Quartieren oder Stadtteilen erklärt [werden]“ (Kessl/Reutlin­ger 2007: 38).
Auch emanzipatorische und herrschaftskritische Prinzipien von Gemeinwesenarbeit drohen in diesem Zuge programmatisch umgepolt zu werden. So wird im Rahmen dieser Programme zwar die Förderung von Aktivierung und Partizipation prokla­miert, diese Ziele wer­den dabei jedoch in der Regel – insbesondere vor dem konzep­tuellen Hintergrund der unternehmerischen Stadt – als Steuerungsinstrumente der Stadtentwicklung im Rah­men von Top-Down-Politikstrategien verstanden. (vgl. Schreier 2011) Die Orientie­rung auf spezifische Sozialräume geht aktuell zudem häufig mit einer Ausrichtung an sicherheits- und ordnungspolitischen Zielen einher, wie Schreier (2011) am Beispiel des in Niedersachsen eingerichteten Kriminalitäts­präventions-Programms „Communities that Care“ zeigt. Weiterhin besteht die Ge­fahr, dass „Bürgerengagement und nachbarschaftliche Netzwerke […] tendenziell zu Ausfallbürgen des Wohlfahrtsstaats gemacht“ (Stoevesand 2007) werden, obwohl mit den dafür zur Verfügung gestellten verhältnismäßig geringen Mitteln die durch die „Demontage der sozialen Sicherungssysteme, die Deregulie­rung des Arbeitsmarktes oder die Kommodifizierung im Wohnungssektor“ (ebd.) verursachten sozialen Schä­den nicht kompensiert werden können.
Auf die Frage, welche Handlungsmöglichkeiten für kritisch-emanzipatorische Ge­meinwesenarbeit vor diesem Hintergrund bestehen, werde ich im folgenden Ab­schnitt eingehen. (vgl. dazu auch Abschnitt 4)

1.5 Funktion und Handlungsmöglichkeiten von Sozialer Arbeit und Gemeinwesenarbeit

Die dominante Funktion staatlicher Sozialpolitik innerhalb des kapitalistischen Sys­tems ist die Aufrechterhaltung des Produktions- und Akkumulationsprozesses durch die „Siche­rung des Bestandes an verwertbaren Arbeitskräften, die Schaffung, Erhal­tung und Wiederherstellung ihrer Funktionsfähigkeit“ (Barabas et al. 1975: 382, zit. nach Bou­let et al. 1980: 116). Professionelle Soziale Arbeit ist nicht losgelöst davon zu betrachten. Auch sie trägt zur Sicherung der bestehenden, auf Privateigentum, Lohnarbeit und Warentausch ausgerichteten Ver­hältnisse bei. Sie ist dabei jedoch nicht auf unmittelbare Produktion, sondern auf die Repro­duktion von Arbeitskraft (Ausbildung, Qualifikati­on, Versorgung, Woh­nungen, Resozialisierung und Rehabili­tation) gerich­tet und hat wie die staatliche So­zialpolitik „die Funktion, Arbeitskräfte arbeitsfähig und arbeits­willig zu halten, die Verwertungsbedingungen der Ware Ar­beitskraft zu si­chern und die zu versorgen, die aus dem Produktionsprozeß ganz oder zeitweilig her­ausfallen“ (vgl. ebd.: 119).[16] Bou­let et al. (1980) unterscheiden die Mit­tel, mit denen Soziale Ar­beit und Sozialpolitik insgesamt arbeiten, wie folgt:

„Während die Sozialpolitik mit ihren ‘distributiv-monetären Instrumenten der Einkommensverteilung’ eher auf den generellen Ausgleich schicht- oder ‘si­tuationsgruppen’-spezifischer Disparitäten in der Versorgung mit sozialen Gü­tern oder Leistungen ausgerichtet’ (Tennstedt 1976) ist, setzt Sozialarbeit mit pädagogischen, therapeutischen und politischen Interventionen ein […].“ (ebd.: 123f.)

Soziale Arbeit wirkt dabei auf einzelne Menschen, auf Gruppen von Menschen bzw. auf regionale oder institutionelle Einheiten. Die dominante Funktion der Sozialen Arbeit ist darüber hinaus die Sicherung der Loyalität gegenüber dem herrschenden politisch-administra­tiven System und das Schaffen von Akzeptanz gegenüber staatlichem Handeln – etwa durch die Herstellung von Konsens im Rahmen von begrenzten Partizipations­verfahren. (vgl. ebd.: 124f.)
Genau in diesem Bereich liegen jedoch auch Handlungsspielräume für das Eröffnen von Veränderungsmöglichkeiten und ein Unterlaufen dieser Funktion durch eine „emanzipatorische Praxis“ (ebd.: 127). Die Widersprüche innerhalb der kapitalisti­schen Gesellschaft können von „eine[r] prinzipiell auf Veränderung zielende[n] Poli­tik – die gleichwohl auf dem Boden des bestehenden Systems erfolgen muß – nutz­bar [gemacht werden]“ (Ortmann 1973, zit. nach Boulet et al. 1980: 127). Einen wichtigen Ansatzpunkt stellt dabei das Konzept der Hilfe zur Selbsthilfe dar – jedoch nicht verstanden als „als Hilfe zur individuell-selbständigen Reproduktion durch Teilnahme an Arbeits- und Warenmärkten“ (Müller et al. 1983, zit. nach May 1997: 13), sondern als „Ermöglichung kollektiver Selbstbestimmung über das eigene gemeinsame Lebensschicksal“ (ebd.). Die Möglichkeit, auf dieses Ziel hin tätig zu werden, besteht immer da, wo konkrete „Probleme […] hervortreten und, indem sie […] Antworten fordern, als Probleme eben auch Möglichkeiten eröffnen“ (Lefebvre 1977, zit. nach May 1997: 23). Eine Herausforderung stellt in diesem Zusammen­hang das Anstoßen von Verständigungsprozessen über mögliche Ansatzpunkte zur Lösung des Problems dar. Eine wichtige Bedingung dafür, dass es überhaupt zu sol­chen Prozessen kommen kann, ist das Vorhandensein einer kommunalen Öffentlich­keit und die Existenz von „Orten und Zeiten für die Ausbildung eines […] politi­schen Ausdrucksvermögens“ (ebd.: 18). Hier kann kritisch-emanzipatorische und bil­dungsorientierte Gemeinwesenarbeit, die auf die Erweiterung der Handlungsfähig­keit des Gemeinwesens insgesamt und der Menschen darin gerichtet ist, ansetzen. Oelschlägel (2001) bestimmt als Handlungsorientierung von Gemeinwesenarbeit, dass es ihr darum gehe, „Menschen handlungsfähiger [zu] machen, [zu] ermutigen, [zu] unterstützen, damit diese ihre Lebenswelt verändern können“ (Oelschlägel 2001: 653). Als wesentliche Handlungselemente der Gemeinwesenarbeit nennt er die Be­reitstellung von nützlichen (personellen) Ressourcen wie Zeit und (Ermöglichungs-) Räumen, Dienstleistungen wie Beratung, Betreuung und Fahrten zu Ämtern, die Förderung von Kulturarbeit[17] und den Aufbau von (mobilisierbaren) Netzwerken zwischen den verschiedenen Vereinen und anderen Gruppierungen im Stadtteil. Insofern, als Gemeinwesenarbeit auf diese Weise soziale Räume (mit-)gestaltet, ist sie immer auch als Teil der lokalen politischen Praxis zu begreifen. (vgl. Oelschlägel 2001: 653)

Für die Bearbeitung der Frage, wie bzw. mit welcher Ausrichtung kritisch-emanzipa­torische Soziale Arbeit vor dem Hintergrund der eingangs beschriebenen Ökonomi­sierung des Sozialen eine über diese Entwicklung hinausweisende Perspektive und entsprechende Handlungsmöglichkeiten entwickeln kann, ist die Theorie und soziale Praxis der Commons gewinnbringend. Im folgenden Kapi­tel wird es daher um eine Einführung in die Debatte um die Commons gehen.


Fußnoten

7) Der Begriff Fordismus geht zurück auf die Einführung der tayloristischen Massenproduktion in den Automobilwerken Henry Fords zu Beginn des 20. Jahrhunderts und die mit der Massenproduktion standardisierter Konsumgüter einhergehende Produktivitätssteigerung. (vgl. Hirsch 2002: 85)

8) Zu den Grundlagen der Wirtschafts- und Gesellschaftstheorie des Neoliberalismus vgl. Ptak 2008.

9) Als Chicago Boys wird eine Gruppe marktradikaler neoliberaler Ökonomen bezeichnet, die von den Ideen Milton Friedmans und Friedrich August von Hayeks inspiriert waren und in den 1970er Jahre für das Wirtschaftsprogramm in Chile unter dem Militärdiktator Pinochet hauptverantwortlich zeichneten. (vgl. Ptak 2008: 13)

10) Dies lässt sich auch unter Rückbezug auf die Unterscheidung der Kategorien res communes und res publicae – (all-)gemeine und öffentliche (staatliche) Sachen – verdeutlichen. (vgl. Fußnote 23)

11) In Frankreich entwickelte der libertäre Frühsozialist Charles Fourier (1772-1837) mit seinem Konzept autonomer Gemeinwesen, den Phalanstères, die ca. 1500 Personen umfassen und ebenfalls genossenschaftlich organisiert sein sollten, ein ähnliches Modell, das jedoch nicht zur Umsetzung kam. (vgl. Boulet et al. 1980: 9f.)

12) Genossenschaften basieren auf vier Prinzipien: dem Förder-, dem Demokratie-, dem Identitäts- und dem Solidaritätsprinzip. Mit dem Förderprinzip wird als Zweck der Genossenschaft die wirtschaftliche, soziale und/oder kulturelle Förderung der Genoss_innen in dem Bereich, in dem die Genossenschaft tätig ist, bestimmt. Das Identitätsprinzip bringt zum Ausdruck, dass die in einer Kooperative handelnden Personen üblicherweise durch den Markt getrennte Rollen, wie z.B. Mieter_in und Vermieter_in (Wohnungsbaugenossenschaft), Verbraucher_in und Händler_in (Kon-
sumgenossenschaft) oder Kapitaleigner_in und Beschäftigte (Produktivgenossenschaft), in sich vereinigen. Nach dem Demokratieprinzip hat jede_r Genoss_in unabhängig von der Höhe des jeweiligen Genossenschaftsanteils eine Stimme: „one person – one vote“. Mit dem Solidaritätsprinzip (auch als Genossenschaftsgeist bezeichnet) kommt die Art des Verhältnisses der Genoss_innen untereinander zum Ausdruck, die durch die Organisation in der Kooperative etwas realisieren, was sie für sich alleine nicht schaffen könnten. (vgl. Flieger 2003)

13) Der Ansatz des Community Developments stellt eine weiteren historischen Bezugspunkt für die Entwicklung der Gemeinwesenarbeit dar. Dieses Konzept wurde – im Kontrast zur Community Organization für die Gemeinwesenreform in Altbaugebieten – im 19. Jahrhundert im Westen der USA von landwirtschaftlichen Hochschulen zum Gemeindeaufbau in Neusiedlungsgebieten betrieben. (vgl. Müller 2006: 206) Nach Boulet. et al. (1980) fand es im Folgenden im Kontext von Infrastrukturmaßnahmen Anwendung, um Widerstände in der Bevölkerung abzubauen – etwa bei der Kanalisierung des Flusses Tennessee in den 1930er Jahren (vgl. Boulet et al. 1980: 21). Auch in britischen Kolonien kam dieses Konzept zum Einsatz. (vgl. May 2001: 204)

14) Vgl. dazu die Arbeiten von Harry Specht zu disruptiven Taktiken. (vgl. Müller 2006: 216 ff.)

15) Bereits 1980 argumentierten Boulet et al. dafür, Gemeinwesenarbeit nicht nur als dritte Methode der Sozialen Arbeit aufzufassen, sondern als allgemeines Arbeitsprinzip der Sozialen Arbeit. (vgl. Boulet et al. 1980)

16) Soziale Arbeit, die etwa als Freie Träger in Vereinen organisiert und finanziell unabhängiger von öffentlichen Mitteln ist, hat in ihrer Praxis tendenziell größere Gestaltungsspielräume.

17) Oelschlägel führt in diesem Kontext aus, dass „Kultur […] kein vom Alltag getrenntes Phänomen [ist], sie gehört in den Zusammenhang der Gestaltung von  Lebensverhältnissen, zu einem ‘guten Leben’, das vor allem Ziel der GWA sein sollte“ (ebd.: 654).

No Comments

No Comments so far ↓

There are no comments yet...Kick things off by filling out the form below.

Leave a Comment