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Einleitung

Die gegenwärtige gesellschaftliche Situation ist geprägt von einer Krise des Lohnarbeitssystems, die sich u.a. in Form einer zunehmenden Prekarisierung und einer grö­ßer werdenden Zahl von Personen, die – wenn überhaupt – nur im Niedrig(st)­lohnsektor eine Erwerbstätigkeit finden, manifestiert. Die jüngste Krise des globalen ka­pi­talistischen Wirtschaftssystems und die damit zusammenhängende Währungs- und Finanzkrise hat zudem zu einer Verstärkung von Prozessen sozialer Desintegrati­on, einer Verschärfung der Klassengegensätze und der Schwächung der Parlamente bei gleichzeitiger Zunahme der Macht kleiner politischer und ökonomischer Eliten bei­getragen. (vgl. Exner/Kratzwald 2012: 24)

Neben diesen aktuellen Entwicklungen ist es seit den 1980er Jahren zu einer Verän­derung der Programmatik des Sozialstaats westeuropäischen Typs gekommen. Bis da­hin war er darauf ausgerichtet, finanziellen Reichtum mit Hilfe von Steuern umzuverteilen, individuelle Risiken durch Versicherungs- und Transferleistungen abzusi­chern und den Bürger_innen eine breite Palette von Gütern und Dienstleistungen – etwa in den Bereichen Energie- und Wasserversorgung, öffentlicher Verkehr, Wohnungsbau, öffentliche Medien, Gesundheitsversorgung und Bildung – entgeltfrei oder zu erschwinglichen Preisen zur Verfügung zu stellen. (vgl. Kratzwald 2012: 79f.) Diese Programmatik änderte sich jedoch im Zuge seiner Umgestaltung zum neolibe­ralen Wettbewerbsstaat bzw. aktivierenden Sozialstaat, als dessen vorrangige Aufga­be die Absicherung bzw. Herstellung der internationalen Konkurrenz- bzw. Wettbe­werbsfähigkeit und die Mobilisierung der Humankapitalreserven definiert wurde. (vgl. Hirsch 2002: 110ff.)

Diese Entwicklungen veränderten die Rahmenbedingungen unter denen Soziale Ar­beit[1] stattfindet und die (gesellschaftlichen) Probleme, mit denen sie konfrontiert ist. Mit der Zunahme von sozialer Unsicherheit ging ein Ausbau der staatlichen Überwachungs- und Kontrollapparate einher und weite Teile der Sozialen Arbeit wurden vor diesem Hintergrund einer Neudefinition unterzogen: Parallel zu einem Rückbau der (sozial-)pädagogischen Angebote in der Gemeinwesenarbeit und der offenen Kinder- und Jugendarbeit kam es zu einer verstärkten Ausrichtung der Sozialen Arbeit auf ordnungs- und kontrollpolitische Ziele. Damit einher ging die Etablierung einer (Verhaltens-)Präventionsorientierung, mit der vorrangig auf die Verhinderung von indivi­duellen Defiziten bzw. die Abwehr von (vermeintlichen) Gefahren und nicht auf Bildung, Förderung und kritische Vergesellschaftung gezielt wird. (vgl. Schabdach 2011: 302) Für eine sich als kritisch und emanzipatorisch verstehende Soziale Arbeit werfen sowohl die zugespitzten polit-ökonomischen und sozialen Bedingungen als auch die angedeute­ten aktuellen Entwicklungen der eigenen Profession in zunehmen­dem Maße Fragen nach Handlungsmöglichkeiten und programmatischen Bezugs­punkten jenseits der „Transformation von Nicht-Lohnarbeitern in Lohnarbeiter“ (Richter 2001: 216) und ordnungspolitischer Vereinnahmung auf.

In einer Phase der gesellschaftlichen Entwicklung, die von einer sowohl quantitativ als auch qualitativ zunehmenden Durchdringung immer weiterer Lebensbereiche durch die kapitalistische Warenlogik gekennzeichnet ist, beginnt jedoch auch die Su­che nach Alternativen zu eben dieser Logik wieder eine größere Rolle zu spielen. Als Reaktion auf eine Stadt(entwicklungs)politik, welche die Stadt nicht als Gemein­we­sen, sondern in erster Linie als Standort, als unternehmerische Stadt be­greift, die sich im internationalen Konkurrenzkampf behaupten müsse, wurden etwa in den letz­ten Jahren weltweit Netzwerke und Organisationen gegründet, die sich un­ter dem Motto Recht auf Stadt (vgl. Lefebvre 1968) gegen die zunehmende Privati­sierung öffentli­cher Räume und für eine Stadt(entwicklung) engagieren, bei der die Interes­sen der Bewohner_innen und nicht die Optimierung ihrer Konkurrenzfähigkeit im Vorder­grund stehen. Gleichzeitig werden weltweit Alternativen zum kapitalis­tischen Wirt­schaftssystem und der liberalen Trennung von Ökonomie und Politik gesucht und praktiziert. Als Beispiele können die Bewegung der Zapatistas in Chiapas (Mexiko), die Organisierung der Piqueteros in Argentinien, die Landlosen­bewegung in Brasili­en oder das Projekt des partizipativen Haushalts in Porto Alegre (Brasilien), aber auch Formen der Solidarischen Ökonomie genannt werden. (vgl. Azzelini 2010: 14) In diesem Zusammenhang hat auch eine Wiederentdeckung der Gemeingüter bzw. Commons in den sozialen Bewegungen stattgefunden. (vgl. Exner/Kratzwald 2012: 24) Rilling (2001) umreißt die mit Commons verbundene Bedeutung wie folgt:

„Commons […] meint gemeinsame Governance, Nutzung oder Aneignung auf der Basis von Gemeineigentum und anderen Eigentumsformen; es meint […] eine Kultur und Ökonomie des communi-care, des ‘Gemeinsam machens’, ‘Teilens’, ‘Mit-teilens’. Sie steht für vielfältige Facetten einer ande­ren Ökonomie und Kultur als die neue Privatökonomie der neoliberalen Zeit […].“ (Rilling 2001: 312, Hervorhebung im Original)

Während weitgehend unbemerkt von der allgemeinen Aufmerksamkeit die Organisa­tion des gemeinsamen Lebens und Wirtschaftens auf Grundlage von Commons (bzw. Gemeingütern oder Gemeinheiten) schon seit langem existiert, sind in jüngerer Zeit auch neue Commons hervorgebracht worden und, damit verbunden, neue For­men der gemeinschaftlichen Produktion wie die commons-basierte Peer-Produktion entstan­den, bei der keine Waren, sondern Commons im Sinne von Gebrauchsgütern produ­ziert werden. Ein wichtiges Feld, sowohl für die Hervorbringung neuer Commons als auch für die Entwicklung neuer Formen der Produktion jenseits der Warenlogik, stellte und stellt der Bereich der digitalen Medien dar. Beispielhaft können hier die Freie Software-Bewegung (GNU/Linux), die Wikipedia und die Free Culture-Bewe­gung[2] angeführt werden. Weitere Beispiele für die Wiederentdeckung der Commons stellen in den letzten Jahren gegründete Organisationen und Initiativen wie das Mietshäuser Syndikat dar, das darauf zielt, Häuser in Gemeineigentum zu überfüh­ren[3], die Initiati­ve mundraub.org, die eine Plattform für die europaweite Kartierung der Obstallmen­de geschaffen hat[4] und die Praxis des Urban Gardening, bei dem Gär­ten in der Stadt angelegt und von Nutzer_innengemeinschaften gepflegt bzw. bewirt­schaftet werden.
In der jüngeren Vergangenheit ist auch eine Fülle von Publikationen zum Thema Commons erschienen. In diesem Kontext ist etwa das Werk der Politologin Elinor Ostroms zu nennen, die 2009 für ihre Arbeiten zur Frage, wie gemeinschaftliches
Ei­gentum von Nutzer_innenorganisationen erfolgreich verwaltet werden kann – „for her ana­lysis of economic governance, especially the commons“ (http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/economics/laureates/2009/index.html) – den sogenannten Wirt­schaftsnobelpreis[5] erhielt. Auch das 1999 gegründete Projekt Oekonux (Wortver­bindung von Oekonomie und GNU/Linux), dass sich mit der Frage auseinandersetzt, welche Potenziale der Modus der Produktion freier Software für eine grundlegende Veränderung der dominanten politischen und ökonomischen Strukturen haben kann, hat für die Commons-Debatte viele wichtige Impulse gegeben.[6]

Commons und die Ansätze einer Politik des Gemeinsamen stellen meines Erachtens als „transformationsstrategisches Konzept“ (Rilling 2011) eine konkrete Utopie dar: Sie existieren bereits innerhalb des Bestehenden, weisen jedoch gleichzeitig über die kapitalistische Vergesellschaftung und die Dichotomie von Markt und Staat hinaus. Die damit verbundene Handlungs- und Entwicklungsperspektive halte ich für eine Soziale Arbeit, die kritisch und emanzipatorisch handlungsfähig sein und machen will, in hohem Maße relevant. Des Weiteren bestehen Anknüpfungspunkte zwischen Theorie und Praxis der Commons und Theorie und Praxis gemeinwesenorientierter Sozialer Arbeit bzw. Gemeinwesenarbeit, die sich gegenseitig bereichern können. Ziel dieser Arbeit ist es, vor dem Hintergrund der aufgeworfenen Probleme die Rele­vanz von Commons für die Soziale Arbeit insgesamt und die Gemeinwesenarbeit im Besonde­ren herauszustellen.

Überblick über das Vorgehen:
Im ersten Kapitel werde ich mich mit der Gemeinwesenarbeit und ihrem Gegenstand, dem Gemeinwesen, auseinandersetzen. Da Gemeinwesenarbeit, genauso wie andere Formen und Funktionen von Handlungskonzepten Sozialer Arbeit, „nicht unabhängig von politisch-ökonomischen Realitäten und Rationalitäten“ (Stövesand 2007) exis­tiert, werde ich in Abschnitt 1.1 zunächst die Entwicklung der politischen und ökono­mischen Rahmenbedingungen in der Nachkriegszeit skizzieren. Dabei beschreibe ich zunächst die Veränderung des Akkumulationsregimes vom Fordismus zum Postfor­dismus und die Herausbildung des nationalen Wettbewerbsstaats. (Abschnitt 1.1.1) In einem weiteren Schritt stelle ich den Prozess der Ökonomisierung des So­zialen und seine Hintergründe dar. (Abschnitt 1.1.2) Anschließend gehe ich auf die interne Vermarktlichung von Sozialstaaten durch die Einrichtung von Wohlfahrts­märkten (Abschnitt 1.1.3) und die Leitfigur des unternehmerischen Selbst (Abschnitt 1.1.4) ein.
Bevor ich in Abschnitt 1.3 die (internationale) Geschichte der Gemeinwesenarbeit und ihre Vorläufer darstelle, bestimme ich in Abschnitt 1.2 den für die Gemeinwesen­arbeit zentralen Begriff Gemeinwesen. In Abschnitt 1.4 skizziere ich die Entwicklung der Gemeinwesenarbeit in der BRD, wobei ich mich auf die Zeitspanne von Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die Gegenwart konzentriere. Abschließend wende ich mich der gesellschaftlichen Funktion Sozialer Arbeit und Gemeinwesenarbeit unter gegebenen Bedingungen und den bestehenden Handlungsspielräumen für eine eman­zipatorische Praxis zu. (Abschnitt 1.5)

Im zweiten Kapitel widme ich mich den Commons bzw. Gemeingütern und den praktischen und theoretischen Auseinandersetzungen um sie. In einem ersten Schritt werde ich den Begriff Commons und die Entwicklung seiner Bedeutung behandeln. (Abschnitt 2.1) Im darauf folgenden Abschnitt 2.2 gehe ich auf die Geschichte der Commons vom Mittelalter bis in die Gegenwart, ihre historische und gegenwärtige Bedeutung und die Kämpfe ein, die es um sie gab und gibt. In Abschnitt 2.3 stelle ich drei bedeutsame theoretische Positionen in Bezug auf Commons dar: zunächst die 1968 von dem Biologen Garrett Hardin postulierte „Tragedy of the Commons“ (Abschnitt 2.3.1), anschließend die Ergebnisse der Forschungen zur „Verfassung der Allmende“ der Politologin Elinor Ostrom (Abschnitt 2.3.2) und abschließend die 2005 von Yochai Benkler vorgelegte Konzeption der commons-basierten Peer-Pro­duktion (Abschnitt 2.3.3).

Im dritten Kapitel wende ich mich im Rahmen einer Fallstudie dem Projekt ‘Park Fiction’ im Hamburger Stadtteil St. Pauli zu, das ich als urbanes Commons begreife und für dessen Realisierung Akteur_innen aus der Gemeinwesenarbeit einen wichti­gen Beitrag geleistet haben. Nach einer einleitenden Darstellung der jüngeren Ent­wicklung der Stadtentwicklungspolitik und der Gemeinwesenarbeit in St. Pauli (Ab­schnitt 3.1) stelle ich das Pro­jekt ‘Park Fiction’ und den Prozess seiner Ent­stehung vor (Abschnitt 3.2). Daran schließt sich ein Exkurs zur raumtheoretischen Perspekti­ve Henri Lefebvres an, die für die Parkaktivist_innen eine wichtige Rolle gespielt hat. (Abschnitt 3.3) Abschlie­ßend beleuchte ich die Rolle des Gemeinwesen­arbeit St. Pauli e.V. (der GWA St. Pauli) bei der Planung, Realisierung und Pflege von ‘Park Fiction’ (Abschnitt 3.4) und analysiere das Projekt und die Probleme, die im Zuge seiner Gestaltung auftraten, aus einer commons-theoretischen Perspektive (Abschnitt 3.5).

Im vierten Abschnitt stelle ich Commons als Bezugspunkt(e) für kritisch-emanzipatorische Soziale Arbeit dar. Zunächst gehe ich dabei auf die allgemeine Bedeu­tung von Commons für Gemeinwesen und Gemeinwesenarbeit ein. (Abschnitt 4.1)
Darauf folgt eine Auseinandersetzung mit Ansätzen Solidarischer (Gemeinwesen-) Ökono­mie, die darauf zielen, das Ökonomische vom Sozialen aus zu denken und zu ge­stalten, welche ich als anschlussfähig an die Theorie und Praxis von Commons be­trach­te. (Abschnitt 4.2) Anschließend stelle ich Commons als Grundla­ge für alter­na­tive Formen von Vergesellschaftung vor (Abschnitt 4.3), wobei ich zu­nächst auf die Rele­vanz von Institutionen für die (dauerhafte) Konstituierung von Commons ein­gehe (Abschnitt 4.3.1) und sie abschließend im Rahmen einer Transfor­mations­strategie, die über die kapitalistische Vergesellschaftung hinausweist, verorte (Abschnitt 4.3.2).


Fußnoten

1) Ich werde im Folgenden hauptsächlich den Begriff Soziale Arbeit verwenden. Damit beabsichtige ich, sowohl die kritische Vergesellschaftung bzw. Persönlichkeits- und Identitätsbildung (die klassischerweise als Aufgabe der Sozialpädagogik begriffen wird) als auch die Hilfe bei der Lebensbewältigung (die klassischerweise als Aufgabe der Sozialarbeit bestimmt wird) zu benennen und sie als gleichermaßen bestehende Aufgaben der Sozialen Arbeit zu bestimmen.
Während die historischen Wurzeln der Sozialarbeit in der „Herausbildung der Sozialhilfe und der klassischen Wohlfahrtspflege“ (Thole 2010: 19) liegen, steht Sozialpädagogik in der „Tradition der Jugendhilfe und – noch konkreter – der Jugendpflege und der Pädagogik der Frühen Kindheit“ (ebd.: 19f.; vgl. für einen Abriss der Theoriegeschichte der Sozialpädagogik und Sozialarbeit ebd.: 32ff.). Hinsichtlich der jeweiligen Praxisfelder, Berufsgruppen und Ausbildungswege ist es mittlerweile zu einer starken Annäherung gekommen, die eine klare Differenzierung zusehends schwieriger macht und zu einer weiten Verbreitung des Meta-Begriffs Soziale Arbeit, der für die Einheit von Sozialpädagogik und Sozialarbeit steht, geführt hat. Nach Thole (2010) ist das Arbeits- bzw. Handlungsfeld der Sozialen Arbeit durch das Angebot oder die Institutionalisierung von „öffentlich organisierte[n], soziale[n], unterstützende[n] beziehungsweise pädagogische[n] Hilfen und Dienste[n] zur sozialen Lebensbewältigung oder Bildung“ (ebd.: 26) charakterisiert.

2) Benannt nach dem 2004 erschienenen Buch Free Culture: How Big Media Uses Technology and the Law to Lock Down Culture and Control Creativity des US-amerikanischen Rechtswissenschaftlers Lawrence Lessig.

3) vgl. http://www.syndikat.org. (Alle Hyperlinks in dieser Arbeit wurden zuletzt am 02.05.2013 aufgerufen.)

4) vgl. http://www.mundraub.org.

5) Der 1969 erstmalig verliehene Preis wurde nicht von Alfred Nobel, sondern von der Schwedischen Reichsbank anlässlich ihres 300-jährigen Bestehens gestiftet und heißt eigentlich Von der schwedischen Reichsbank in Erinnerung an Alfred Nobel gestifteter Preis für Wirtschaftswissenschaften.

6) vgl. http://www.oekonux.de/.

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